ImPulsTanz: In diesem Sci-Fi-Limbus wird (zu) wenig getanzt

Wim Vandekeybus sucht einen modernen Messias – und lässt mehr sprechen als bewegen. Ermüdend.

„Mockumentary of a Contemporary Saviour“ erzählt von Religion in einer fernen Zukunft.
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„Mockumentary of a Contemporary Saviour“ erzählt von Religion in einer fernen Zukunft.
„Mockumentary of a Contemporary Saviour“ erzählt von Religion in einer fernen Zukunft. – (c) Danny Willems

Da wären einmal die Geräusche, dieses gedämpfte Fiepen und Brummen und Rauschen: Vielleicht klingt so eine Spielhölle für einen Fötus vom Mutterleib aus, oder ein Raumschiff aus alten Science-Fiction-Filmen, wenn man schlechte Ohrstöpsel trägt. Dann wäre da das Bühnenbild: Über einen großen Ring sind Stoffbahnen gespannt, sie bilden eine Scheibe, dich sich über den Köpfen der Darsteller hebt, senkt und neigt; dazu gibt es leuchtende, mit Plastikplanen bedeckte Öffnungen über dem Bühnenboden, in die sich die Darsteller hineinlegen wie in Brutkästen. Und dann wäre da die Frage: Was tun sie hier, und warum?

Bei der Lösung hilft das Programmheft zu Wim Vandekeybus' „Mockumentary of a Contemporary Saviour“: In einer fernen Zukunft, in der die Welt unbewohnbar geworden ist, hat es eine Gruppe von sieben „Auserwählten“ an einen sicheren Ort geschafft – und hadert dort, geplagt von Unsterblichkeit und geleitet von einer diffusen kindlichen Gottheit, mit der scheinbaren Sinnlosigkeit der Existenz. Der Flame Vandekeybus, seit seinem Debüt 1987 mit seiner Compagnie Ultima Vez Star der internationalen zeitgenössischen Tanzszene und Dauergast am Impulstanz, wollte schon lange ein Stück über Religion machen und über die Faszination der Menschen mit Erlöserfiguren.

Das Ergebnis ist eine recht fragmentierte, zum Teil willkürlich erscheinende Abfolge von Szenen aus diesem retro-futuristischen Limbus, in dem die sieben Figuren gefangen sind: „It feels like prison here“, sagt eine der Figuren, überhaupt wird hier mehr gesprochen (dank der international zusammengesetzten Gruppe in vielerlei Sprachen) als getanzt: Über das frühere Leben der Figuren, in das sie sich, auch wenn es monoton, gefährlich, schmerzhaft war, zurücksehnen; über ihren Wunsch, an etwas glauben zu können, über ihren Frust darüber, im Leben keinen Zweck, keine Logik zu erkennen: „Life is like a lottery“, heißt es einmal. Und was macht eigentlich das Publikum im Raum? Es wird angebrüllt: „You're a stupid delusion!“

 

Ekstatische Selbstgeißelung

Der durchgehend hohe Aggressionslevel auf der Bühne, die redundanten, wenig stringent aneinandergereihten Szenen machen „Mockumentary of a Contemporary Saviour“ zu einer ermüdenden Sache – einigen wurde das zu viel, sie verließen den Saal des Volkstheaters vor Ablauf der zwei Stunden. Ihm mache so etwas nichts aus, verriet Vandekeybus der „Presse“ im Vorjahr, für ihn zähle Mut zum Risiko. Mehr Tanzszenen als die hier spärlich eingestreuten wären aber schön gewesen: In ihnen trifft poetische Akrobatik auf die für Vandekeybus typische, wilde, schonungslose Tanzkunst, hier entsteht Humor aus der Bewegung. Kampf- und Selbstgeißelungsgesten gehen über in einen rituellen, ekstatischen Kreistanz, Körper hängen sich in fließenden Bewegungen aneinander, Schatten jagen einander, ein Paar wird unter Schreien in eine Umarmung gebogen: Diese Körper erzählen betörend schön von Abhängigkeit und Geborgenheit, von Gemeinschaft und Glauben. Das viele Gerede dazu hätte man sich sparen können.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.08.2017)

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