Ignaz Kirchner: "Ich kenne keine kalte Rache"

Kammerschauspieler Ignaz Kirchner ist derzeit als Pozzo in Becketts "Warten auf Godot" zu sehen. Der "Presse am Sonntag" erzählt er, was er an Wien liebt und wie er mit schmerzender Kritik umgeht.

Ignaz Kirchner
Ignaz Kirchner
(c) Teresa Zötl

Sie spielen am Burgtheater seit diesem Wochenende den Pozzo in „Warten auf Godot“. Mit den Dramen von Samuel Beckett sind Sie seit Langem vertraut. Der ist doch ein idealer Autor für letzte Worte.

Ignaz Kirchner: Beckett ist für mich einer der ganz großen Autoren, ein lebensbegleitender. Viele Sätze in seinen Texten sind so großartig, dass sie haften bleiben, sie werden zu einem Motto.

 

Nennen Sie einen prägenden Satz.

Über das Schreiben hat er Folgendes geschrieben: „Alles seit je./Nie was anderes./Immer versucht./Immer gescheitert./Einerlei./Wieder versuchen. /Wieder scheitern./Besser scheitern.“ („Worstword Ho“, 1983, Anm.) Das ist nicht nur ein Lieblingssatz von mir, sondern auch von George Tabori.

 

Was macht den Reiz dieses irischen Nobelpreisträgers aus? Der Begriff des Absurden fasst ihn nur unzulänglich.

Zum absurden Theater sollte man eher die Werke von Eugène Ionesco zählen. Die Stücke von Beckett sind ganz realistisch. Ähnlich ist das bei Thomas Bernhard, der hat viel von Beckett übernommen. Die Figuren bei beiden Dramatikern haben alle eine Behinderung, sie sehen schlecht, sie gehen schlecht. Es braucht einen aufgeweckten Regisseur, um Beckett zu entschlüsseln. Matthias Hartmann, der dieses „Warten auf Godot“ inszeniert, kennt sich darin aus.

 

Das ist großes Lob. Immerhin haben Sie auch schon beim von Tabori inszenierten „Endspiel“ gespielt, 1998 am Burgtheater. Sie gaben in einer denkwürdigen Aufführung den Clov, Gert Voss den Hamm.

Tabori sagte, er mache das nur ohne die vom Autor vorgeschriebenen Mülltonnen auf der Bühne. Die war vollkommen leer, bis auf zwei Stühle.

 

Wie war die Zusammenarbeit mit ihm?

George hat uns sanft geführt. Im Vergleich dazu war Jürgen Gosch, bei dem ich 1984 im Schauspiel Köln den Estragon in „Warten auf Godot“ spielte, ein harter Regisseur. Den Satz „...die Knochen ... wollen Sie sie?“ hat er mich bei einer Probe von 19 bis 22.30 Uhr sagen lassen. Nach dreieinhalb Stunden ließ mich der Inhalt dieses Satzes an ein Lager in Sibirien denken. Gosch ist dann aber milder geworden.

 

Diesmal spielen Sie nicht Estragon, sondern Pozzo. Eine dankbare Rolle. Sie bringen die Action und verfügen auch noch über die wenigen Requisiten.

Ich darf essen, trinken, habe eine Peitsche und ein Seil. Ich habe Macht, aber hinterher ist der Mann blind. Das Stück hat seit 1953, seit seiner Uraufführung in Paris, nicht an Aktualität verloren.

 

Was halten Sie von der christlichen Mythologie, die Beckett verwendet?

Die ist mir nicht fremd. Über sein Denken kann man sehr viel in der Biografie von James Knowlson erfahren, und auch das Regiebuch Becketts, er inszenierte „Warten auf Godot“ 1975 in Berlin, ist eine Fundgrube. Man muss den Text nur sehr genau lesen. Da ist sehr viel drin, viel mehr als nur Mythologie. Beckett hat die Paarsituationen sehr genau gebaut, er ist zudem äußerst musikalisch.

 

Welche Sätze sind Ihnen trotzdem dunkel geblieben?

Der letzte Satz von Pozzo zum Beispiel: „Sie gebären rittlings über dem Grabe, der Tag erglänzt einen Augenblick und dann von neuem die Nacht.“

 

Pozzo ist in dieser Szene sehr aufgebracht. Was passiert, wenn man Sie reizt?

Ich neige zum sofortigen Reagieren, Überreagieren. Ich kenne keine kalte Rache, sondern die Sache ist für mich sogleich erledigt.

 

Gehen Sie auf Kritik ein? Was bewirkt bei Ihnen die Reaktion des Publikums?

Als wir am Burgtheater Ödipus spielten, beschrieb der Kritiker Georg Hensel in der FAZ auch die Mängel. Das hat sich danach auf meine Darstellung ausgewirkt. Das Wiener Publikum ist ein sehr gutes. Es weiß zu differenzieren. Ich bin auch so gern in dieser Stadt, weil man als Schauspieler hier wahrscheinlich die besten Arbeitsmöglichkeiten in ganz Europa hat. Hier erfährt man große Aufmerksamkeit. Wenn ich bilanzieren darf; ich hatte das Glück, mit ganz tollen Regisseuren zusammenzuarbeiten, mit den besten Bühnenbildnern, mit einem wunderbaren Ensemble. Hier in Wien gibt es immer auch ganz alte Schauspieler, die gut sind, das ist wichtig für ein Theater. Und an Wien liebe ich auch die Fülle an Ausstellungen, man kann gar nicht alles wahrnehmen.

 

Auf welche Altersrollen freuen Sie sich denn schon?

Ich freue mich auf alle Altersrollen.

 

Theater hat etwas Glamouröses, wenn man nur die Bühne sieht. Aber wie ist der ganz gewöhnliche Tagesablauf eines Schauspielers?

Ich stehe früh auf, dann gibt es guten Kaffee. Das habe ich als Deutscher in Wien zu schätzen gelernt. Dann mache ich Text. Wenn ich keine Probe habe, gehe ich zum Schottentor und fahre mit der Bim nach Grinzing, gehe auf den Kahlenberg, fahre zurück und steige am Burgtheater aus. Dann ist der Arbeitstag noch frisch. Manchmal aber gehe ich einfach zum Heurigen. Und ich schaue mir gern gute Fußballspiele an, vorm Fernseher, am liebsten die Champions League. Ich bin Mitglied von Werder Bremen, deren Klubphilosophie mag ich. Den Andi Herzog habe ich bei Bremen sehr geschätzt, das war ein hervorragender Mittelfeldspieler. Und der beste Trainer war Ernst Happel, der hat die Fähigkeiten von Spielern erkannt. Für den Horst Hrubesch, diesen bulligen Typen, hat er die Bananenflanke erfunden.

 

Was bewirkt der Arbeitsstil der Regisseure bei Ihnen?

Ich mag die positiven Verstärker, keine Zuchtmeister. Um das auf den Fußball zu übertragen: Mir ist der Trainer Thomas Schaaf von Werder Bremen lieber als Louis van Gaal von Bayern München.

 

Wie sind Sie zum Theater gekommen? Sie haben doch ursprünglich eine Buchhändlerlehre gemacht.

Das stimmt, und ich bin auch ein eifriger Leser geblieben, aber dass ich Schauspieler werden wollte, wusste ich bereits mit knapp sechs Jahren, als ich „Peterchens Mondfahrt“ im Wuppertaler Theater sah. Ich liebte das Verkleiden, das Spielen, das Böse-sein-können, ohne dass es etwas macht. Mein Vater wollte jedoch, dass ich einen Beruf lerne. Das war in der Zeit der Studentenunruhen in den Sechzigerjahren, eigentlich ging es aber um eine Rebellion gegen die Väter. Wir lasen Böll und Grass. Wir hatten es leichter als die Studenten, die heute das Audimax besetzen, für die gibt es keine guten Rahmenbedingungen. Für diese Demonstranten habe ich große Sympathien.

 

Hatten Sie ein strenges Elternhaus?

Nein, ich hatte kein strenges Elternhaus, sondern Eltern, die keine Zeit für mich hatten.

 

Sind Sie ein politischer Mensch?

Ja. An Politik sollte man teilnehmen. Hier in Österreich regt mich die Strache-Fraktion schon sehr auf. Das Harmloseste ist, dass sie ungustiös ist. Von der Fremdenfeindlichkeit der FPÖ sollten sich die anderen Parteien stärker distanzieren. Aber an sich ist dieses Land so, wie es Egon Friedell beschrieben hat: „Die Österreicher sind ein Volk, das mit Zuversicht in die Vergangenheit blickt.“

 

Welche politischen Vorbilder sind Ihnen geblieben?

Willy Brandt, Martin Luther King und Nelson Mandela.

 

Waren Sie ein selbstbewusster Schauspielschüler?

Ich war so überheblich, dass ich mir nach geschaffter Prüfung im Zug dachte, jetzt müssten Marlon Brando und James Dean aber aufpassen. Ehrgeiz hat etwas Sportives. Tennistrainer fragen ihre Schüler, was sie erreichen wollen. Nur die sind gut, die die Nummer eins werden wollen. Der Schauspieler ist eben auch eine narzisstische Persönlichkeit. Verrisse mag er nicht.

 

Was hat Sie da besonders geschmerzt?

Wenn die Kritik ans Substanzielle geht. Ich war als junger Mann sehr dick. Ein Kritiker schrieb dann über mich als „Kirchner, das stiernackige junge Schwein“. Das hat mich schwer getroffen.

 

Sie sind im Theater zu Hause, nur gelegentlich im Film. Warum?

Renoir, Visconti, Bergman haben nicht angerufen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.12.2009)

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