Terrorgefahr unterm Riesenrad

Kritik Salon5 am Thalhof: Anna Maria Krassnigg inszenierte mit Raffinesse die Uraufführung von „Werbung Liebe Zuckerwatte“. Der junge Autor Mario Wurmitzer ist eine echte Entdeckung.

Waggon Nr. 28 des Riesenrads: Martin Schwanda (v.), Maxi Blaha (r.), Daniel F. Kamen, Gioia Osthoff.
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Waggon Nr. 28 des Riesenrads: Martin Schwanda (v.), Maxi Blaha (r.), Daniel F. Kamen, Gioia Osthoff.
Waggon Nr. 28 des Riesenrads: Martin Schwanda (v.), Maxi Blaha (r.), Daniel F. Kamen, Gioia Osthoff. – (c) C. Mair

Ödön von Horváth hat seinem Volksstück „Kasimir und Karoline“, es spielt in trostloser Zwischenkriegszeit, ein Motto vorangestellt, das am Ende zynisch wirkt: „Und die Liebe höret nimmer auf.“ Der österreichische Dramatiker Mario Wurmitzer verwendet in seinem am Donnerstag am Thalhof in Reichenau an der Rax uraufgeführten „Werbung Liebe Zuckerwatte“ ebenfalls Bibelzitate über die Liebe aus dem 1. Korintherbrief des Paulus. Die Parallelen zu Horváth sind gewollt. Die Helden hier heißen Franz und Marie, das neue Volksstück spielt ebenfalls auf einem Rummelplatz, allerdings nicht auf dem Oktoberfest in München, sondern im Wiener Prater.

Wie also besteht der 1992 in Mistelbach geborene Dichter den Vergleich mit seinem großen Vorbild? Respekt! Wurmitzer beweist großes Sprachgefühl, er hat Esprit. Und wenn auch der mit dem Absurden kokettierende Text sich gelegentlich in Wiederholungsmustern zu verlieren droht – Intendantin Anna Maria Krassnigg hat für eine straffe, schlüssige Inszenierung gesorgt. Das Quartett auf der Bühne beweist Souveränität in schwarzer Komödie. Die dritte Uraufführung beim Sommerfestival am Thalhof dieses Jahr wurde vom Premierenpublikum nach eineinhalb Stunden lang beklatscht.

Der Autor spielt im Film den Kontrollor

Für Abwechslung bei den hintergründigen, verspielten Wortkaskaden sorgt vor allem ein einfacher Trick. Ein beträchtlicher Teil der Szenen wird als „Kinobühnenschau“ gezeigt – Videoeinspielungen aus dem Waggon Nr. 28 des Riesenrads. Wurmitzer gibt in diesem Film den Kontrollor. Sowohl das Publikum als auch die vier Protagonisten auf der kleinen Bühne sehen diese Clips auf einem Screen. Die Schauspieler sitzen auf verstellbaren Hockern, mit ihren Rücken zum Saal. In Passagen dazwischen drehen sie sich um, besprechen das zwei Jahre zurückliegende Geschehen im Prater, agieren untereinander und mit den Zusehern.

Die Erotik der Macht: Alles im Griff!

Wovon also handelt das Stück? Angeblich von Terror, der den verliebten Franz (Daniel F. Kamen) und seine angebetete Marie (Gioia Osthoff) ausgerechnet hoch oben auf dem Riesenrad überrascht. Franz hat einen Waggon gemietet, um sich der Freundin bei einem sorgfältig vorbereiteten Picknick über den Dächern von Wien zu erklären. Doch da stoppt das Rad, Schüsse fallen, und über Lautsprecher gibt es Bombendrohungen. Franz müsste sich als Held bewähren, doch das ist nicht so leicht in dieser Ausnahmesituation, die surreal wird, als Der Parteivorsitzende (Martin Schwanda) und Die Polizistin (Maxi Blaha) abenteuerlich durchs Fenster zusteigen. Das zweite Paar sorgt für Kontraste und weitere Verwirrung. Kamen spielt ironisch einen melancholischen Helden, Osthoff erfrischend eine in der Liebe verunsicherte, sonst selbstbewusste junge Frau. Schwanda glänzt in der Rolle des verschwitzten, gewitzten Egozentrikers, Blaha hat weniger zu sagen, doch starke Präsenz, wenn sie offenherzig die Erotik der Macht zeigt. Sie scheint alles im Griff zu haben.

Wird also alles gut? Geht es denn um Gewalt? Es geht um die Liebe, die nicht immer langmütig ist und oft einfach stirbt. Um Werben, das Spindoktoren zu beherrschen glauben, das zugleich aber ein verzweifelter Appell ist: „So mögt mich doch!“ Hier wird jedenfalls erfolgreich um die Zuneigung des Publikums gebuhlt. Und wofür steht die Zuckerwatte? Dieses Gespinst tröstet und hilft, wenn die Protagonisten nach und nach von ihrem Scheitern erzählen.


[NRM0K]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.08.2017)

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