Theater in der Gumpendorfer Straße: Auf der Suche nach Konrad Bayer

Kritik Elisabeth Gabriel hat ein Romanfragment des früh verstorbenen Dichters der Wiener Gruppe für ein großartiges Duo bühnenreif gemacht.

Bemützt wie Konrad Bayer, auf der Spur des Dichters: Johanna Orsini-Rosenberg und Paul Skrepek.
Schließen
Bemützt wie Konrad Bayer, auf der Spur des Dichters: Johanna Orsini-Rosenberg und Paul Skrepek.
Bemützt wie Konrad Bayer, auf der Spur des Dichters: Johanna Orsini-Rosenberg und Paul Skrepek. – (c) Judith Stehlik

Wahrscheinlich war er der dunkelste unter den Dichtern des Gesamtkunstwerks der Wiener Gruppe – Konrad Bayer, ein Dandy, Bohemien und vor allem Genie, das zusätzlich den Sinnspruch „Only the good die young“ erfüllte. Am 10. Oktober1964, mit nur 31Jahren, nahm er sich in Wien das Leben – Liebeskummer, Weltschmerz, das Gefühl, verkannt zu sein, alles war möglich. Vor dieser absurden Faktizität, gab es nach dem Zweiten Weltkrieg und der auch kulturellen Repression des Faschismus viel zu tun, aufzuholen in Österreichs Literatur und Kunst. Die Phobie vor „Entartung“ war längst nicht ausgeheilt. Surrealismus, Dada, konkrete Poesie, . . . alles für dieses Land Neue schien radikal in Bayers schmales Werk einzuströmen.

 

Die Fellmütze des Avantgardisten

Wie gut dieser Avantgardist gedichtet hat, wird im Theater an der Gumpendorfer Straße in Wien gezeigt. In Kooperation mit „Pistoletta Productions“ hat man Bayers unvollendetes Werk „Auf der Suche nach dem sechsten Sinn“ szenisch aufbereitet. Elisabeth Gabriel erstellte eine Bühnenfassung aus dem Romanfragment, reicherte sie mit Bayers berühmten Gedichten an. Die kleine Bühne wirkt wie eine Installation, passgenau ist die Musik von Paul Skrepek. Der intensive Abend von 75 Minuten, bietet eine herrlich verspielte Wiederentdeckung. Ein Tisch, ein Sessel, ein leerer Bilderrahmen zum Posieren auf einem der roten Seile, die wie Fallen wild durch den Raum gespannt sind, und ein weißes Kleid, ein Schlagzeug vorn, dahinter eine Wundermaschine samt Plattenspieler, Schallbox und Hypnoserad, die allerlei in Bewegung setzt, ein Screen: Das ist der Raum, den Bayer bei der Premiere im TAG am Samstag in zweifacher Ausfertigung betritt. Man erkennt ihn an der Fellmütze, die sowohl Johanna Orsini-Rosenberg als auch Skrepek tragen. Die Schauspielerin wird rezitieren, agieren und Stunts wagen, er wird musizieren (vor allem auf der zwölfsaitigen Gitarre), singen, mitspielen.

 

Hymne aus Wien: „Glaubst, i bin bled?“

Zuerst muss die Welt beschrieben werden, in alphabetischer Reihenfolge, von aachen und aalen bis zum zuzeln. Langsam entwickelt sich die Geschichte des seltsamen Helden Franz Goldenberg aus dem Romanfragment. Er ist ein Staunender, der nicht nur seinen Sinnen, sondern auch noch dem Sinn der Sprache misstraut. Lauter Verwandlungen. Voller Ironie sind auch die Filmsequenzen, in denen die beiden Alter Egos durch ein schwarz-weißes Wien irren, als wären sie in den Krimi „Der dritte Mann“ geraten. Orsini-Rosenberg und Skrepek harmonieren in all diesen subtilen Pointen eines virtuosen Dichters. Vieles bleibt hermetisch, doch das wird glänzend überspielt.

Und zur Erholung von anstrengenden Passagen gibt es wunderbar ironische Gedichte. Die Höhepunkte: wie sich dieses Duo aus dem einfachen Wort Karl einen komplexen Karl macht, wie Skrepek in elegischem Ton „Glaubst, i bin bled?“ als eine Hymne Wiener Verdrossenheit singt. Und wenn seine Kollegin den Verzehr eines Apfelstrudels vorträgt und spielt, dann ist das ein täuschend poetischer Orgasmus. Lasst die Leute Kuchen essen und sich bei den Texten von Bayer zerstrudeln! Heimatlos zerlegt er die Sprache, bis sie als Witz voll tieferer Bedeutung erscheint. Im TAG war man ihm in kreativer Weise auf der Spur.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.09.2017)

Die Presse - Testabo

Testen Sie jetzt „Die Presse“ und „Die Presse am Sonntag“ sowie das „Presse“-ePaper und sämtliche digitale premium‑Inhalte 3 Wochen kostenlos und unverbindlich.

Jetzt 3 Wochen testen
Meistgelesen
    Meistgekauft
      Kommentar zu Artikel:

      Theater in der Gumpendorfer Straße: Auf der Suche nach Konrad Bayer

      Schließen

      Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
      Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.