Katalonien und das wilde Kärnten

„Wir haben ebenfalls zahllose Leichen verscharrt“, sagt Alia Luque aus Barcelona. Für das Burgtheater inszeniert sie einen Text von Josef Winkler.

„Mir ist Josef Winklers Kärnten nicht fremd“, sagt Alia Luque, „ich erkenne es durch einen fremden Blick.“ Das Bild zeigt sie vor dem Kasino Schwarzenberg.
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„Mir ist Josef Winklers Kärnten nicht fremd“, sagt Alia Luque, „ich erkenne es durch einen fremden Blick.“ Das Bild zeigt sie vor dem Kasino Schwarzenberg.
„Mir ist Josef Winklers Kärnten nicht fremd“, sagt Alia Luque, „ich erkenne es durch einen fremden Blick.“ Das Bild zeigt sie vor dem Kasino Schwarzenberg. – (c) Stanislav Jenis

Die Presse: Sie inszenieren gerade ein Auftragswerk des Kärntners Josef Winkler – wie zuvor schon Dramen von Grillparzer, Horváth und der jungen Wiener Autorin Miroslava Svolikova. Woher kommt für Sie als katalanische Spanierin die Vorliebe für österreichische Literatur?

Alia Luque: Ich mag es, dass viele österreichische Autoren und Autorinnen die Sprache zelebrieren. Sie schaffen ein großes Sprachfeld, um einen kleinen Gedanken zu erfassen und auszudrücken.


Winklers Text „Lass dich heimgeigen, Vater oder Den Tod ins Herz mir schreibe“ könnte auch ein kurzer Roman sein. Wie kann man daraus etwas Dramatisches machen? Waren Sie nicht erschrocken über diesen monologisierenden Erzähler?

Überhaupt nicht. Ich bevorzuge Stücke ohne traditionell-dialogische Erzählstruktur. Für mich entsteht das Dramatische durch die Eigenheit der Sprache des jeweiligen Autors, und vor allem dadurch, dass der Text auf einer Bühne laut gesprochen wird.

 

Auch Elfriede Jelinek verwendet in ihren Dramen oft große Textblöcke. Sehen Sie da eine Ähnlichkeit zu Winkler?

Der Aufbau ist tatsächlich ähnlich: ein Konvolut ohne Figuren, an dem man sich abarbeiten muss. Ohne moralischen Zeigefinger, ohne sich über andere zu erheben, sich selbst in die Kritik miteinschließend – bei Jelinek wie auch bei Winkler ist der Akt des Sprechens im Mittelpunkt. Bei beiden höre ich eine fast zwanghafte Dringlichkeit, eine Unbarmherzigkeit, aber keine Provokation. Ich habe Josef Winkler als entzückenden, warmherzigen Menschen kennengelernt.

 

Wie exotisch ist für Sie das wilde Kärnten Josef Winklers, das er bereits als junger Mann in einer Romantrilogie beschrieben hat?

Mich interessiert der Text nicht als eine Milieustudie über Oberkärnten, mich interessiert die rohe Natur in den Köpfen der Menschen, die Winkler beschreibt. Als Spanierin sind für mich leider weder der Katholizismus noch die nicht bewältigte faschistische Vergangenheit exotisch. Wir haben ebenfalls zahllose Leichen verscharrt, so wie es in Winklers Stück sehr symbolisch der Fall ist. Deshalb ist mir sein Kärnten nicht fremd, sondern ich erkenne es durch einen fremden Blick.

 

Ist es nicht schwer, aus diesem Monolog Figuren zu schaffen?

Da der Text nicht situativ geschrieben ist, versuchen wir auch nicht, Situationen zu inszenieren oder Figuren zuzuschreiben. Es ist eine Ich-Erzählung, also bleibt es ein Monolog. Fünf Darsteller spielen dieses Ich. Sie zeigen die Möglichkeiten dessen, was dieses Ich hätte sein können. Das ist ein kollektives Ringen, ein Prozess des gemeinsamen Erinnerns, um der eigenen Sprachlosigkeit zu entkommen, das Teilen einer Sehnsucht nach Erlösung, nach einer Welt draußen, jenseits aller verpassten Möglichkeiten.


Wie stellt man Sprachlosigkeit dar?

Winkler macht das mit einer unheimlichen Menge an Text. Das mag erst einmal als großer Widerspruch erscheinen, dass man Sprachlosigkeit zeigt, indem man sehr viel redet. Das Reden aber ist bei Winkler ein aktiver Akt gegen das Verstummen, der Versuch, dem Elend der Sprachlosigkeit zu entrinnen. Früher, in den Fünfziger- und Sechzigerjahren, gab es vielleicht noch die Konvention, sich in der Sprache zurückzuhalten, einen nicht ausgesprochenen Konsens des Verschweigens – diese Wortkargheit hat zum Beispiel den Prozess der Aufarbeitung des Zweites Weltkrieges natürlich nicht gefördert. Aber dass man heutzutage zu allem eine Meinung haben, dass alles immer ausgesprochen werden muss, empfinde ich als genauso verhängnisvoll.

 

Sie sind von Ihrer Heimatstadt Barcelona aus bald in die Welt hinaus. Was hat Sie dazu motiviert?

Das Wanderleben habe ich von den Eltern. Wir sind oft umgezogen. Ich habe kein „Heimatdorf“ so wie Winkler, in das ich zurückkehren, mit dem ich mich auseinandersetzen muss. Auf Reisen bin zuhause. Ich erlebe an den verschiedensten Orten Geborgenheit. Wenn ich woanders bin, bin ich erst ganz bei mir. In die Welt hinaus hat mich ein unstillbares Fernweh getrieben. Heimweh ist bei mir – immer noch, nach über 20 Jahre Unterwegssein – nicht aufgetreten.

 

Aus der Distanz von Wien gesehen: Wie schätzen Sie den Konflikt zwischen Katalonien und Spanien ein?

Das Problem ist vielschichtig und nicht in zwei Sätze zu verknappen. Nur so viel: Mich befremdet jede Form von Patriotismus und Nationalstolz, egal ob persönlich empfunden oder politisch genutzt. Die Zufälligkeit des Ortes, an dem ich geboren wurde, ist für mich genauso identitätsstiftend wie die Zufälligkeit meiner Schuhgröße.

Uraufführung: 10. November (20 Uhr) im Kasino am Schwarzenbergplatz des Burgtheaters. Es spielen Leon Haller, Tino Hillebrand, Marcus Kiepe, Branko Samarovski, Noah Fida, Theo Haas, Tobias Wolfsegger. Weitere Termine: 11., 15. und 17. 11.; 15., 16. und 18. 12.

Zur Person

Alia Luque ist 1978 in Barcelona geboren, hat Arabistik, Deutsche Literatur und Kulturanthropologie studiert und u. a. am Thaliatheater und am Maxim Gorki in Berlin inszeniert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.11.2017)

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