Neue Theorie: Wer war der echte William Shakespeare?

Ein neues Buch gibt einer umstrittenen These Auftrieb: William Shakespeare hat die schönsten Dramen Englands nicht geschrieben. Sondern der Earl of Oxford, Edward de Vere, mit Shakespeare als Pseudonym.

(c) AP (Lefteris Pitarakis)

Die Oxfordianer haben wieder einmal zugeschlagen, diesmal mit deutscher Gründlichkeit: Der promovierte Germanist Kurt Kreiler hat eine Liebeserklärung geschrieben, die davon ausgeht, dass vor mehr als vierhundert Jahren ein Mann des englischen Hochadels die Werke William Shakespeares verfasst hat, und nicht ein aufstrebender Bürger aus Stratford-upon-Avon, den es in jungen Jahren zum Theater in London verschlagen hatte: „Der Mann, der Shakespeare erfand. Edward de Vere, Earl of Oxford“ lautet der Titel des neuen Wälzers. De Vere habe den Namen Shakespeare als Pseudonym verwendet. Angeblich habe er sich das Veröffentlichen von Literatur als Höfling nicht leisten können, zu minder wäre dies gewesen, behauptet Kreiler.

Die Idee ist nicht neu. Dass Shakespeare ein anderer war, hat bereits die romantisch beeinflusste Amerikanerin Delia Bacon 1857 behauptet. In „The Philosophy of the Plays of Shakespeare Unfolded“ macht sie ihren Namensvetter, den Philosophen Francis Bacon, zum Dramatiker, während Will ein „dummer, ignoranter, drittklassiger Schauspieler“ war. Delia Bacon landete schließlich im Irrenhaus. Weitere Kandidaten für den Verfasser von „Hamlet“ und Co.: Wills Kollege Christopher Marlowe (stellte sich nur tot und schrieb dann munter Shakespeares Dramen weiter), und sogar Elizabeth I.

Looneys Idee. Der Verdacht, dass der Graf de Vere (1550–1604) der echte Dichter sei, wurde bereits 1920 von einem Hobby-Historiker mit dem bezeichnenden Namen Looney (engl. ugs. „verrückt“) propagiert und seither immer wieder aufgegriffen. Anknüpfungspunkte gibt es einige. Oxford schrieb als junger Mann kunstvolle, anspielungsreiche, mittelmäßige Gedichte, 1573 veröffentlichte er laut Kreiler unter Pseudonym eine Novelle mit der Hauptfigur „Fortunatus Infoelix“, er hielt sich eine Schauspieltruppe, organisierte Festivitäten. Bereits 1997 hat sich Walter Klier in „Das Shakespeare-Komplott“ für de Vere starkgemacht, auch Mark Rylance, derzeit Chef des Londoner „Globe Theatre“, zeigt für diese Theorien Sympathien, und der Globe-Schauspieler Jonathan Bond assistierte im Vorjahr mit der Enthüllung „The De Vere Code: Proof of the True Author of Shakespeare's Sonnets“. Aber die Beweise fehlen. Die liefert auch Kreiler nicht.

Dennoch ergibt das etwas verkrampft mit Details vollgestopfte Buch Sinn. Die Stratfordianer, jene Legionen an Forschern, die an der Autorschaft des Bürgers aus Warwickshire (1564–1616) nicht zweifeln, haben Gelegenheit, sich im historisch-philologisch-soziologisch-tragikomischen Abwehrkampf gegen die Oxford-Konkurrenten zu üben. Und außerdem liegt nun eine engagierte Biografie de Veres vor, die den Grafen nicht nur im Kontext des Hofes Elizabeths I. porträtiert, sondern zahlreiche Verbindungen zur Dichtung der Tudor- und Stuart-Zeit herstellt.


Ein sprachlicher Kosmos. Was sind die Motive und Methoden Kreilers? Wie alle Oxfordianer kann er es sich offenbar nicht vorstellen, dass ein Mensch aus bescheidenen bürgerlichen Verhältnissen gebildet genug gewesen sein kann, um den Kosmos eines Shakespeare zu erschaffen. Dessen Werk (ca. 36 Dramen, 154 Sonette sowie zwei Versepen) hatte einen riesigen Wortschatz voller Neologismen. Er war kenntnisreich in verschiedensten Jargons. 20.000 bis 30.000 Wörter verwendete er, schwärmen die Sprachforscher, wie immer sie die auch gezählt haben.

Für dieses Werk brauche man wohl umfassende Bildung, meint auch Kreiler und bringt ins Feld, wie intellektuell Oxfords Familie, sein Vormund, der mächtige Schatzkanzler Lord Burghley, und dessen Umgebung waren. Es wimmelte von Scholaren und Dichtern, hunderte Quellen werden zitiert.

Ein Wüstling und Verschwender. Dem Mann vom Lande hingegen traut Kreiler nichts zu, so wie zuvor schon Mark Twain, Friedrich Nietzsche, Henry James oder Sigmund Freud. Kreilers Schlussplädoyer ist entlarvend: „Das Argument für Shakspere? (mit dieser Schreibweise ist der Mann aus Stratford gemeint, Anm.)Daß es ,antidemokratisch‘ sei, gegen die kleinbürgerlichen Würden seiner Verfasserschaft aufzubegehren. Shaksperes Erben: selbstgenügsam wie im Traum kauen sie am Knochen ihrer fixen Idee. Ihr biederes Vorurteil klammert sich an die Leugnung aristokratischer Kultur. Deshalb hat die Wissenschaft ihre Erkenntnisse auf eine Falschaussage hin passend gemacht – den Earl diffamiert und mit dem Geschwätz vom Barden dem Bauern ein Denkmal gesetzt.“

Das klingt ein wenig zornig und bemüht für einen Historiker. Diese Haltung zieht sich durchs ganze Buch. Die Fehler und Schwächen des Grafen, dem Zeitgenossen nicht nur schmeicheln, sondern den sie auch als Wüstling, Verschwender, Verleumder und Knabenschänder bezeichnen, werden negiert, William aus Stratford hingegen wird als Geldverleiher, Prozesshansl und dummes Landei gezeichnet.

Shakespeare aber war kein ungebildeter Landmann, sondern ein aufstrebender Bürger, die „upstart crow“ unter den Dichtern, über dessen Karriere sich ein Autor in London bereits 1592 bitter beklagt. An die 50 zeitgenössische Verweise auf den Dramatiker, Schauspieler und Theater-Mitbesitzer Shakespeare sind erhalten, über keinen anderen englischen Bürger der Renaissancezeit gibt es so viele Dokumente. Mit dem Tudor-Staat beginnt auch der moderne Aktenstaat.

Die antiken Klassiker und die Bibel hat wahrscheinlich auch der richtige William, nicht nur der gräfliche Pseudo-Shakespeare gelesen. Seine Eltern waren geachtete Bürger, Stratford war ein aufstrebendes Handelszentrum in Warwickshire, das sich eine Lateinschule leistete. Die Lehrer kamen durchwegs aus Oxford. Es ist anzunehmen, dass der junge William die Lateinbücher und die Heiligen Schriften, die er für seine Dramen ausgiebig plünderte, intensiv studierte.

Nebenbei floss in sein Werk auch viel Lokalkolorit ein, es ist voller Naturschilderungen, Volksmythen, der Sprache der Handwerker und der Lieder der Ammen, nicht nur der Gelehrten, der Herrscher, der Geistlichen. Generationen von Forschern haben auch versucht, festzumachen, ob Shakespeares Wortschatz Hinweise auf die Topografie seines Lebens geben könnte. In Wales schien er sich besonders gut auszukennen, Flora und Fauna der Midlands bezeichnete er genau.

Was sagt uns das? Alles vergeblich: Dieser Mann transzendiert alles. Man könnte also das Argument umdrehen und behaupten, kein Adeliger hätte sich die Sprache des Volkes derart intim aneignen können. Wozu jedoch polemisieren? Wie ein Mensch diesen Reichtum der Ausdrucksweise erhält, wie er zu hunderten Wortschöpfungen kommt, bleibt ein Geheimnis.

Zu den harten Fakten aber, die Kreilers Position schwächen: Um de Vere zu einem einigermaßen glaubwürdigen Kandidaten zu machen, musste er die Chronologie der Werke revolutionieren, ein reizvolles Puzzle der Shakespeare-Forschung. Grob datiert sind die Dramen zwischen 1589/90 und 1614 entstanden, den Londoner Jahren Shakespeares. De Vere jedoch starb zehn Jahre zu früh, einige wichtige Dramen entstanden nach aktuellem Forschungsstand später.

Konkrete Daten ignoriert. Deshalb verlegt Kreiler die Schaffensperiode um gut zehn Jahre in die Vergangenheit – er stellt dazu vor allem sprachliche Vergleiche mit früheren Werken an – und ignoriert die wenigen konkreten Daten zum Dramenbetrieb Londons. Der boomte damals. Shakespeare war auch Teilhaber an Theatern wie dem Globe und dem Blackfriars. Das machte ihn wohlhabend. An den Drucken waren die Theatermanager gar nicht so sehr interessiert, sie boten der Konkurrenz die Möglichkeit, das betreffende Drama nachzuspielen. Gesetzlichen Schutz gab es dagegen keinen.

Anhaltspunkte für die Aufführung von Dramen sind die Einträge im Stationer's Register, zudem gibt es einige Rohfassungen und auch bessere Versionen der sogenannten Quartos. Es wurde plagiiert, kopiert, raubgedruckt; und auch zusammengearbeitet. Warum nicht auch zwischen dem Dichter Shakespeare und dem Gönner de Vere? Zum Beispiel beim Drama „The Book of Sir Thomas Moore“ (1603). Es könnte sein, dass einige Szenen dieser Kollektivarbeit in Shakespeares Handschrift erhalten sind, das ist aber umstritten. Authentisch sind nur wenige Unterschriften.

Das Gesamtwerk wurde erst 1623 gedruckt, die Folio-Ausgabe, die zwei Schauspielerfreunde und der Dramatiker Ben Jonson in ehrenvoller Erinnerungen an den „Schwan von Avon“ sieben Jahre nach dessen Tod zusammengestellt haben. Für Kreiler aber ist auch das kein Argument für Stratford. Jonson habe im Auftrag von de Vere das Pseudonym gewahrt. Das ist ein wenig umständlich, 19 Jahre nach dem Tod de Veres und sieben Jahre nach dem Ableben Shakespeares. Jahrzehntelang soll im klatschsüchtigen London unentdeckt geblieben sein, was de Vere des Nachts so trieb? Alle Theaterzettel wurden umgeschrieben, alle Dichter bestochen, alle kompromittierenden Schriften, wie etwa die erotisch enthüllenden Sonette, unterdrückt? So ein Komplott fiele nicht einmal dem echten William Shakespeare ein. Und der war in seinen Texten voller Irrungen und Wirrungen ein Meister der Lüge und Verstellung. Er liebte übrigens auch Doppelgänger. Als Kunstfiguren.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.01.2010)

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