"Richard II.": Das böse Spiel der Könige

Claus Peymann triumphiert mit seiner generalüberholten Berliner Inszenierung von William Shakespeares „Richard II.“ nun auch in Wien.

Michael Maertens als Richard  II. im Burgtheater
Michael Maertens als Richard  II. im Burgtheater
(c) AP (Stephan Trierenberg)

Eine Leiche liegt bedeckt auf offener Bühne, die Verwesung dürfte längst eingesetzt haben, wild surren die Insekten. Es ist der Herzog von Gloster, seine Ermordung wird letztlich zum Sturz des Königs beitragen. Wir befinden uns im ersten Akt von „Richard II.“, es riecht bereits nach Umsturz. Regisseur Claus Peymann ist eine Dekade nach seinem Abschied als Burgtheaterdirektor als Gast vom Berliner Ensemble mit einem großartig inszenierten Historiendrama zurückgekehrt und hat das Ringen um die Macht hoch konzentriert mit beeindruckenden Szenen verdeutlicht. Michael Maertens als Titelfigur ist eine Idealbesetzung, er hat Veit Schubert als Heinrich Bolingbroke zum starken Kontrahenten. Das übrige Wiener Ensemble ist überwiegend präzise bei der Sache. Die dreistündige Premiere am Samstag hatte Elan und Witz, pflegte vor allem auch die Liebe zur Sprache (poetische Übertragung: der 2004 verstorbene Dichter Thomas Brasch).

Die Bühne (Achim Freyer): Ein schwarz-weißer Guckkasten mit abschüssiger Zentralperspektive. Darin werden Könige rasch klein gemacht, und Thronanwärter blitzschnell groß. Dabei sehen die Verhältnisse am Anfang so leicht durchschaubar aus. König Richard spielt mit den Günstlingen Billard. Sie sind weiß gekleidet. Fesche Leute; lässig verlässt Richard das Spiel, setzt sich beiläufig die Krone auf, um Staatsgeschäften nachzugehen – ödes Streitschlichten.

 

Ein Bürgerkrieg: Schwarz gegen Weiß

Die bisher Unterlegenen tragen Schwarz, etwa der im Rollstuhl sitzende alte Herzog von Gant (Martin Schwab) und die Witwe Gloster, seine Schwägerin (köstlich: Maria Happel). Beide sind weiß geschminkt wie Clowns und tragen Verrat im Herzen. Zur Streitschlichtung vor den König treten Bolingbroke (in Schwarz) und Johannes Krisch als dessen Todfeind Mowbray (in Weiß). Die Fehdehandschuhe, mit Metallspitzen beschwert, stecken bald im abschüssigen Boden. Der König stimmt einem Duell zu, im letzten Moment spricht er doch Verbannungen aus. Maertens spielt die Unschlüssigkeit genial. Ein Blickwechsel mit Mowbray legt nahe, dass der ein notwendiges politisches Opfer wird. Steckt, wie Gant behauptet hat, der König hinter dem Mord an Gloster?

Wir erfahren es nicht, wir sehen nur, wie ein Mächtiger von noch mächtigeren Konflikten seiner Herzöge zerrieben wird. Sterbend wirft ihm Gant vor, dass er England verpachte wie einen Bauernhof. Schlimmer: Er entzieht den Herren großer Häuser, was ihnen eigentlich zusteht. Auch Bolingbroke, die Verbannung während Richards erfolgloser Mission in Irland missachtend, sagt, er fordere vom König nur, was ihm gehöre. Das wird schließlich das ganze Reich sein.

Der Bürgerkrieg Schwarz gegen Weiß ist in vollem Gange, Männer mit Britenhelmen aus dem Ersten Weltkrieg schlagen Kriegstrommeln (fantasievolle Kostüme: Maria-Elena Amos). Daniel Jesch, Gerrit Jansen, Hans Dieter Knebel und Klaus Pohl überzeugen sowohl in komischen Szenen wie als äußerst raue Gesellen. Die Hilflosigkeit des abwesenden Königs drückt seine Gattin Isabel aus. Wie ein Fremdkörper wandelt sie ganz in Weiß über die Bühne, fällt bei den Hiobsbotschaften regelmäßig in Ohnmacht. Bald ist sie voller Schmutz. Ganz zart und charmant und witzig wird das von Dorothee Hartinger gespielt. Am Schluss werden die schwarzen und weißen Figuren so graubraun sein wie der Dreck in Richards Zelle.

 

Die Bühne – ein Müllhaufen der Macht

Schon bei der Abdankung im vierten Akt sind Gut und Böse hoffnungslos vermischt. Hoch oben auf den Zinnen thront noch der König, doch ist er geschminkt wie ein Clown, als ihm unten der siegreiche Bolingbroke entgegentritt. Auf einer elend langen Leiter steigt der König ängstlich herab. Zögernd, im Wechsel von Aggression und Unterwerfung, auch die Übergabe der Krone. Als Bolingbroke, nun Heinrich IV., sie endlich hat, scheint auch Richards Zaudern auf ihn überzugehen. Maertens hat im Finale großartige Szenen der Selbstbespiegelung: ein König mit zwei geschundenen Körpern. Peymann sind wunderbare Bilder gelungen. Nun muss der neue Herrscher, in Schwarz, mit Clownsgesicht, die Staatsgeschäfte besorgen. Schwarz auch die Billardspieler, von denen er sich zögernd löst, um vor einem drohendem Duell Streit zu schlichten.

Spiegelbildlich wiederholt sich die Geschichte, in der sich die wendigsten Intriganten behaupten. Hier ist es die Familie York. Der alte Herzog (unheimlich böse: Manfred Karge) ist sogar bereit, seinen Sohn Aumerle (sehr differenziert und gut: Markus Meyer) für den Aufstieg zu opfern. Er wird auch, und das ist eine Abweichung vom Original, den gefangenen Richard ermorden, geschäftsmäßig kalt. Da ist die Bühne schon bedeckt mit Blut, Exkrementen und Konserven – ein Müllhaufen der Macht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.01.2010)

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