"Todesvariationen": Der Tod und das Mädchen

Jon Fosses "Todesvariationen" in einer strengen, bereits in Bochum und Zürich bewährten Inszenierung von Matthias Hartmann. Empfehlenswert.

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Einfacher geht es fast nicht mehr. Die Bühne (Karl-Ernst Hermann) ist ein heller, fast weißer, nach vorn geneigter Kasten, nur ein Hocker steht mittendrin. Er wirft, vom Parkett her beleuchtet (Licht: Peter Bandl), wechselnd große Schatten, so wie die sechs Personen, die auftreten werden. Die sind dann, in einer an Platons Höhlengleichnis erinnernden Projektion, im Schattenreich an der Rückwand übermächtig, verzerrt, klein oder gar nicht mehr da. Konkret ist außer dem Miniaturmöbel und den Figuren nur noch ein Schiffsmast, der in der ersten Zuseherreihe befestigt ist; er schwankt, unmerklich meist, in den Momenten der Krise aber recht bedrohlich.

Einfacher, strenger geht es fast nicht mehr als in dem kurzen Drama „Todesvariationen“ des norwegischen Dichters Jon Fosse, das am Samstag im Akademietheater seine Wiener Premiere hatte. Ein altes Exehepaar (Barbara Nüsse, Hans-Michael Rehberg), das sich eigentlich nicht mehr sehen will, trifft sich, weil ihre Tochter in den Tod gegangen ist, ins Wasser, von der Kaimauer aus, die man sich hinter dem schwankenden Mast denken muss. Verschlossen und verhärmt ist dieses Paar, blickt auf ein Leben voller Enttäuschung zurück. Es macht einen frösteln. Großartig sprechen und spielen die beiden Alten diese versäumte Liebe, in abgebrochenen Sätzen, die aneinander vorbeizielen, so unvollkommen wirken und doch voller Poesie sind. Bei Fosse geht es ums Wesentliche – um den Tod, vielleicht noch um die Liebe, aber auch die lenkt wahrscheinlich nur vom Unabdingbaren ab.

Der Endlichkeit entkommt man nur kurz, durch den Rückblick, und auch der ist nicht unbedingt schön. Schon in der zweiten Szene wird man Zeuge dieser einsilbigen Selbstreflexion in einer grauen Stadt am Meer. Eine Schwangere (Sabine Haupt) betritt den Raum, blickt die Ältere lange an. Ein junger Mann (Patrick Heyn), der wie der Ältere eine dicke Brille trägt, kommt dazu. Auch sie scheinen zu frieren. Sie sind das Spiegelbild der Alten. In Ansätzen spielt Haupt mit großer Präsenz diese strenge, verhärmte Frau, die man bald in der Älteren erkennen wird.

 

Schließlich ins Schattenreich

Bereits die Jungen kommunizieren nur schwer, stockend sind ihre Reden, vorsichtig, fast schon feindselig in dieser frühen Phase. Er, immer in der Defensive, gibt sich rasch zufrieden. „So schlimm ist es auch wieder nicht“, sagt er und meint, dass man schließlich einander habe, dass man jung sei. Sie darauf, negativ selbst in der geringsten Hoffnung: „Viel ist das nicht.“ Das ungleiche Paar hat sich durch eine ungewollte Schwangerschaft aneinander gebunden. In diesem trostlosen Raum, der neuen Kellerwohnung, wird die Tochter aufwachsen, der Mann wird die Frau wegen einer anderen verlassen, die Tochter wird sehr bald eine Todessehnsucht entwickeln, vor der sie die Eltern vergeblich warnen.

Cathérine Seifert spielt dieses weltfremde, rührende Mädchen voller Überzeugung, sie wirft sich einem jungen, schwarz gekleideten Mann an den Hals (unheimlich sympathisch: Johannes Zirner), der sie schließlich ins Schattenreich mitnehmen wird, aber noch nicht so bald. Nur zögernd lässt sich der letzte Freund umwerben. Aber sein Schatten wächst, in 65Minuten, in denen trostlose Beziehungen ablaufen. Hartmann präsentiert diesen Ablauf unspektakulär, mit einem feinen Ohr für die Pausen in diesem so absichtslos wirkenden und doch so dichten Text. Die Inszenierung, die ihre Premiere vor fünf Jahren während Hartmanns Direktion in Bochum hatte und die er als Direktor nach Zürich und jetzt nach Wien mitbrachte, ist eine reife Leistung. Sechs hervorragende Schauspieler agieren traumwandlerisch sicher.

Durchaus empfehlenswert also, mit ganz wenigen, verzeihlichen Schwächen. Nur für kurze Momente fallen Sätze aus dem Rahmen, dann wird es seltsam heiter, aber das tröstet nicht über die Düsternis hinweg, sondern wirkt nur inkonsequent. Und den Schluss hat der Regisseur verschenkt, wenn es vom Übergang des Lebens in den Tod geht. Der Scheinwerfer projiziert ein helles Rechteck auf die Rückwand, eine Art transzendenter Lichtkegel entsteht. Bei Hartmann wird dieses Rechteck kleiner und kleiner, bis der Lichtpunkt erlischt. Das ist ein Effekt, der bei dieser sonst ruhigen und schnörkellosen Aufführung reichlich übertrieben wirkt.

Zum Autor

Jon Fosse (*1959 in Haugesund, Norwegen) trat in den Achtzigerjahren als Lyriker und Romancier hervor, als Vertreter der Postmoderne. Seit Mitte der Neunziger widmet er sich verstärkt dem Schauspiel. „Todesvariationen“ wurde 2001 veröffentlicht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.01.2010)

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