Lisa Eckharts Theorie der Sünde

Dass "nicht alles schlecht war unter Gott", erklärt die steirische Kabarettistin und Poetry-Slammerin Lisa Eckhart in ihrem zweiten Solo "Die Vorteile des Lasters".

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(c) ERNESTO GELLES

Erinnern Sie sich an Angelina Jolies Oscar-Bein, ihr "#leggate", das "legbombing" danach? Ja, nein - egal. Lisa Eckharts Premierenauftritt erinnert jedenfalls an dieses neugierige Fleisch. Der ungenierte Schlitz des Kleides war so hoch oben an der Taille angesetzt, beim ersten Lichteinssatz rollte ein hörbares "Wow" durch die Reihen. Aber so wenig zum Textilen, geht es doch mehr um den Text.   

Eckhart markierte einmal mehr, dass sie im Gedächtnis bleiben will. Ein schwarzer Engel, der sündige Göttin sein will und den Eingang zur Hölle sucht. Oder: "Eine frappierende Erscheinung, die mit Worten und Gesten eine geheimnisvolle und diabolische Welt entwirft, in der sie sich gnadenlos behauptet", so hat die Jury gewertet, die Lisa Eckhart heute, Samstag, im Nürnberger Burgtheater den Deutschen Kabarettpreis in der Förderkategorie verleiht.

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(c) Ernesto Gelles
Vor der deutschen Gala spielte sich Eckhart im Wiener Niedermair Theater mit ihrem Stück "Die Vorteile des Lasters" warm, in dem sie vor "maßloser Mittelmäßigkeit" warnt und sich selbst fachlich so weit davon entfernt. Es geht um die Notwendigkeit der Sünde, als Möglichkeit der Freiheit.

Und die Sünden sind ihr zu gesund, nüchtern, damisch, gschamig geworden, daher führt sie das Publikum weiter: "Es ist mir euch zu künden Ehre, eine neue Sündenlehre", erinnert sie gleich zum Auftakt daran, dass sie ganz gut reimen kann. Zum Auflockern der Verse, wirft sie stolz - vom zerfledderten Jungfernhäutchen der Premieren ihrer Kollegen bis zum eigenen in Stuhl und Rotz gebeizten kreativen Prozess - Vulgäres ein. Brahms schwemmt mit anderen Klassikern die derbsten Sätze weg.

Dass "nicht alles schlecht war unter Gott", erkennt Eckhart dieses Mal anhand der vier Coca-Cola-Sorten (mit so viel Zucker wurden österreichische und katholische Gedächtnisschwächen noch nicht oft verheiratet), im Generationswechsel (von der Fließbandarbeit zur Fließbandfitness), am machohaften Unverständnis der "#Metoo-Debatte" (für sie als Shootingstar sei es sowieso unvermeidbar, sich hinunter zu schlafen), beim "All you can eat"-Chines' (wo man für vier Jahreszeiten fett wird), durch die trendige Polyamorie (ein Ausweg für jene, die "sowohl für die Treue als auch für den Betrug zu deppert sind").

Es geht um den Rohstoff Zorn, "der nicht an Flüchtlinge oder ÖBB verschwendet werden darf" und den Schmollmund, der mittlerweile das Einzige sei, das die Gesellschaft ihren Kränkungen entgegensetzt. Es geht um die Sucht nach dem eigenen Bild, der Verwaschung des frühkindlichen "ich bin etwas Besonderes"-Gedankens. "Es geht um den Neid, die Gier der Einfallslosen" und viele Sünden mehr. Kurzum: Lisa Eckhart ist einmal mehr optisch, technisch und textlich einzigartig.

Die Vorteile des Lasters

Kabarett Niedermair: 14.1., 21.1., 28.1. u.a. Kulisse: 31.1. u.a. Theater am Alsergrund: 31.1. Weitere Termine unter: www.lisaeckhart.com

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