Tolle Schnäppchenjagd mit Elfriede Jelinek

Kritik Linzer Kammerspiele. Katka Schroth nimmt sich drei Stunden Zeit für "Das Licht im Kasten", ein amüsanter und bissiger Streifzug durch die Modewelt, ihre Diktate, Skurriles und Übles. Das Ensemble hat diesen Marathon perfekt einstudiert.

Heiliger Modegott, bitte für uns! Jelineks „Das Licht im Kasten“, ein großartiges Ensemble erkundet skurrile und tödliche Seiten des Fashionwahns.
Heiliger Modegott, bitte für uns! Jelineks „Das Licht im Kasten“, ein großartiges Ensemble erkundet skurrile und tödliche Seiten des Fashionwahns.
Heiliger Modegott, bitte für uns! Jelineks „Das Licht im Kasten“, ein großartiges Ensemble erkundet skurrile und tödliche Seiten des Fashionwahns. – (c) Christian Brachwitz

Grausam! Die knallengen, kneifenden Hosen, die Hühneraugen von den High Heels, die Fehlkäufe, die im Kasten vor sich hindämmern, die Fotos, auf denen Topmodel Gisele Bündchen in einem Billigbikini posiert: So wirst du nie aussehen, auch nicht wie die Hollywood-Stars in der Parfum-und Kosmetikwerbung. Immer wieder hat sich Elfriede Jelinek, selbst Fashionikone und Fashionvictim, über Modewelt und Modediktate lustig gemacht, in „Jackie“ oder in „Das Licht im Kasten (Straße? Stadt? Nicht mit mir!)“, uraufgeführt vor einem Jahr im Düsseldorfer Schauspielhaus, seit Samstagabend in den Kammerspielen des OÖ. Landestheaters in Linz zu sehen.

Die Damen und der Herr, die zu Beginn vom Schnürboden auf die Bühne schweben, sind keine ästhetischen Vorbilder. Der Herr trägt ein rosa Tutu um die Hüften, die eine Frau ein schwarzes Tutu um den Hals, eine andere Männerunterhosen, es dominieren schrille Farben und Ringelsocken.

Drei Stunden bekanntes Jelinek-Pingpong, assoziatives Selbstgespräch, Attacke und Farce, das ist vielleicht jetzt nicht mehr so spannend. Wird es das tragen? Es trägt. Katka Schroth hat inszeniert. Es ist überraschend, wie sie es versteht, die Aufmerksamkeit wachzuhalten – Text, Tempo und szenische Effekte passen ideal zusammen. Hartmut Meyer baute eine Wand mit einer Variation des Logos von H&M sowie eine schwarz-gelb gestreifte lange Rampe. Später ist ein Sperrholzkasten zu sehen, in dem Hexen mit spitzem Hut einen Zaubertrank kochen, in den sie sich hineinstürzen.

 

Musikalische Sprachkapriolen

Es wird Cello und Gitarre gespielt, Jelineks Stücke haben viel mit ihrer Vergangenheit als Profi-Musikerin zu tun, das endlose Üben, die Skalen, die Tonfolgen, die sich wiederholen, im Kreise drehen, aus denen sich neue Melodien ergeben. Speziell die Orgel spielt eine Rolle, dieses schwer zu beherrschende Instrument, ein Ein-Personen-Orchester mit meditativer Wirkung. Aber auch die Düsseldorfer Dramaturgin Felicitas Zürcher mag recht haben, die „Das Licht im Kasten“, der Titel bezieht sich auf Schaukästen, mit einem Stoffgewebe vergleicht.

„Willenlos wie ein Falter sind Sie ins Geschäft getaumelt, nur den Sonnenschein im Blick, und haben sich Fremden ausgeliefert, die nichts gesagt haben, denn es gibt immer zu wenig Personal, das kostet schließlich auch was.“ Powershopping ist beliebt. Jelinek nimmt den ganzen Wahn auseinander. Der Mensch taumelt durch schillernde Malls, wo nichts echt ist, weil teure Markenware sich nur durch das in der Fabrik eingenähte Label von den billigen „Teilen“ unterscheidet. Nähen Sie sich einfach beides ein.

Spezielle Heiterkeit weckt der japanische Pulli mit den Löchern, der kostspieliger ist als einer ohne und an diese Teenie-Mode mit den zerrissenen Jeans erinnert, die zu kuriosen Debatten zwischen Eltern und dem Nachwuchs führten: „Diese Jeans haben Löcher, wieso kosten die mehr als die ohne?“, fragte die ahnungslose Mutter. „Je mehr Löcher, desto teurer!“, belehrte sie das Kind.

Dass sich die Zuschauer zwischendurch Gedanken über ihre eigenen Kollisionen mit Design machen können, gehört zu diesem Theaterspaß, der sich allerdings von der lustigen Eröffnung bald auch in düstere Gefilde bewegt: zu Textilarbeiterinnen, die in Fabriken in Bangladesch oder sogar in Italien unter unmenschlichen Bedingungen arbeiten oder gar verbrennen, weil sie wie Sklaven gehalten werden, keine Pausen machen dürfen und eingesperrt wurden. Auch vom Färben und von der Produktion der „stonewashed“ Jeans wird erzählt, Verfahren, die Gewässer verschmutzen, nicht nur Stoffe, sondern auch Menschen schänden.

 

Eine Prise Philosophe – zum Totlachen

Philosophie wird eingestreut von Jelineks Lieblingsintellektuellen wie Kant, Schopenhauer, Heidegger oder Roland Barthes, Säulenheiligen, die sie mit ihren Kalauern vom Podest stößt: „Der Mensch als Vernunftwesen, ich kann mich vor Lachen kaum halten!“ Das Publikum teilweise auch nicht, insofern war es eine gute Wahl, gerade dieses Stück zu wählen und nicht eins von den finsteren wie „Rechnitz“. Dieser Abend, ein wahrer Appetizer für Skeptische, tut viel zur Verbreitung intelligenter Literatur. Und es war eine gute Idee, der Empfehlung der Autorin, das Stück von Mimen in Plüschtierkostümen darbieten zu lassen, nicht zu folgen. Das wäre zu eintönig geworden.

Unterhaltsamer ist es, dieser Schnäppchenjagd und Denksportübung, die TV-Spielshows parodiert, mit dem vor Energie sprühenden Ensemble zu folgen: Corinna Mühle, Ines Schiller, Angela Waidmann und Alexander Hetterle schwingen Grabspaten, stülpen sich Wuschelperücken und Hauben mit roten Bommeln über den Kopf. Sie zeigen – Brust heraus! – ihre T-Shirts, auf denen steht: „We are all Feminists“. Oder sie krabbeln durch einen schleißigen weißen Styropor-Tunnel. Die vier haben eine harte Zeit. Nicht immer lächeln sie, sind aber trotzdem so souverän wie Zirkusartisten. Öfter funkt auch der Tod ins kunterbunte Maskenspiel hinein: Vanitas. Am Schluss der Premiere gab es langen Applaus und Standing Ovations. Mehr von Jelinek findet sich auf ihrer Website, darunter heiter-böse politische Betrachtungen und auch dieses Stück.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.01.2018)

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