Untaugliche Versuche an einem Meisterwerk

Die Mozartwoche entkleidet „Die Entführung aus dem Serail“ „aktualisierend“ ihres humanistischen Gehalts. Nur die Musik schürft dank René Jacobs in die Tiefe.

Längst gehen Szene und Musik unterschiedliche Wege. Während man sich in der Musik darauf konzentriert, möglichst nah an den Quellen zu sein, versuchen Regisseure, immer wieder mit Neuem aufzuwarten. Nicht anders bei dieser Neuproduktion der Salzburger Mozartwoche, auch hier stießen diese beiden Welten zusammen.

Das lag weniger am Konzept von Regisseurin Andrea Moses als an dessen Ausführung. Was spricht dagegen, darüber nachzudenken, wie eine Geschichte seinerzeit begonnen hat? In diesem Fall: Was war ausschlaggebend für den Hass von Bassa Selim auf den Vater Belmontes? Für Moses sind es der Streit zweier Fotografen um ein Titelbild für ein französisches Magazin und das Buhlen um ein- und dieselbe Frau, die so ausarteten, dass Bassa Selim das Land verlassen musste, womit seine Existenz vernichtet wurde.

Zum wohlhabenden Geschäftsmann aufgestiegen, lässt er, mit Mozarts „Entführung“ als Folie, sein Leben Revue passieren: als Regisseur seines eigenen Lebensfilms.

Was durchaus funktionieren könnte. Solange man sich auf den neuen Plot konzentriert, könnte man den einzelnen Figuren auch ein anderes als das sonst gewohnte Profil geben. Moses tut dies: Blonde ist keine blasse Nebenfigur, sondern eine selbst in scheinbar auswegloser Situation herzhaft ihr Leben in die Hand nehmende emanzipierte Frau. Osmin wird nicht einseitig als finsterer Bösewicht geschildert, sondern als jemand, den das Kokettieren mit der Macht mehr reizt, als diese wirklich auszuüben. Pedrillo hätte man freilich nicht so dämlich und tölpelhaft hinstellen müssen.


Schimpfwort-Orgie. Vor allem störte die den Darstellern oktroyierte, mit Kraftausdrücken angereicherte Sprache. Dabei ist Mozarts Text unmissverständlich eine nie an Aktualität verlierende Kritik an der Unfähigkeit des Zusammenlebens von Menschen aus unterschiedlichen Kulturen. Nur eben mit einer Eleganz und einem Charme vorgetragen, die längst in Vergessenheit geraten sind.

Wie man subtil pointierte Brücken zwischen Wort und Musik baut, um den Singspielcharakterzu unterstreichen, zeigte René Jacobs, der die Dialoge subtil mit Hammerklaviermusik unterlegte, wie man es schon aus seiner CD-Einspielung kennt. Selbst wenn er diesmal aus seiner Akademie für Alte Musik Berlin nicht alle Facetten der Musik so differenziert und eloquent herausholte wie in dieser Studioproduktion, war er das Atout dieser Premiere. Auch weil er mit Protagonisten mitatmete und ihnen die entsprechenden Freiräume ließ.


Ideale Sängerbesetzung. Robin Johannsen als anfänglich nervöse, doch koloraturensichere Konstanze, Nikola Hillebrand als umwerfend natürliche Blonde, Sebastian Kohlhepp als eloquent seinen Lyrismen freien Lauf lassender Belmonte und Julian Prégardien als mindestens ebenso differenziert gestaltender Pedrillo bildeten eine ideale Besetzung.

Nicht ganz auf diesem Niveau war David Steffens als zuweilen in der Tiefe zu wenig fundierter Osmin. Souverän der von Alois Glassner einstudierte Salzburger Bachchor, der sich gleichfalls in dem von Jan Pappelbaum entworfenen, das Geschehen bestens suggerierenden Bühnenbild wohlfühlte. Im Wesentlichen ein Zimmer im Palast des Bassa, das später zu einer schiefen Ebene und schließlich zu einer doch überwindlichen Wand mutiert: Jeglicher Hass kann durch Toleranz zunichtegemacht werden.

Und Bassa Selim? Er sollte in dieser Inszenierung die Drehscheibe bilden, Sinnbild für den Wandel eines Menschen sein – und der Regisseur des Theaters auf dem Theater, der allen vorzeigt, wie man zu Reife, Einsicht und Lebensglück kommt. Peter Lohmeyer stand sich dabei sichtlich selbst im Wege, stolzierte geradezu menschenverachtend durch die Szenerie, hinterließ selbst im Finale eher den Eindruck eines selbstgefälligen Monomanen als eines großmütig verzeihenden Humanisten.

Dass der Bassa allen, die er in die Freiheit entlässt, die Pässe aushändigt – der Geschäftsmann als Diplomat? – war eine jener Pointen, auf die man getrost hätte verzichten können. Weniger ist in der Regel mehr. Auch das beweist dieser nur ansatzweise Versuch einer Neuinterpretation jenes ungleich vielschichtigeren Werks. Konzertant hätte die Produktion mehr Fortüne gehabt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.01.2018)

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