Tanz der Vogelschwärme und des Schattens eines Dichters

Staatsballett. Bejubelte Wiederaufnahme von „Balanchine – Liang – Proietto“: eine von Präzision und Dynamik bestimmte Leistungsschau.

Manuel Legris.
Manuel Legris.
Manuel Legris. – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

Fließende, dem Vogelflug nachempfundene Bewegungen und dynamische Armkreise auf der einen Seite, Präzision und strenge Linien auf der anderen. So unterschiedlich zwei der Werke des dreiteiligen Abends „Balanchine – Liang – Proietto“ sind, eines haben sie gemeinsam: Beide wären nur der halbe Genuss, würden die Tänzer hier nicht absolut synchron und aufeinander abgestimmt tanzen und Linien einhalten. Was evident scheint, war doch vor Jahren in Wien nur ein frommer Wunsch. Mittlerweile sind die Tänzer unter Leiter Manuel Legris zur Höchstform aufgelaufen.

Balanchines Huldigung an den klassischen russischen Tanz zu Georges Bizets Frühwerk „Symphonie in C“ ist vertanzte Musik par excellence und legt – ohne Handlung – den Fokus auf das dem US-Choreografen eigene Schrittrepertoire. Mit viel Gefühl schmiegt er hier Port de bras, Hebungen und schier endlos gehaltene Arabesken, dann auch einen Hauch Folklore an Bizets Töne an. Maria Yakovleva debütiert im ersten Satz mit Eleganz und Präsenz. Als Adagio-Ballerina, förmlich eine Ikone des neoklassischen Balletts, beeindruckt einmal mehr Liudmila Konovalova, sicher geführt von Roman Lazik. Denys Cherevychko punktet mit Vitalität, Drehsprüngen und Kraft. Wie hier Musik durch den Fluss der schwierigsten Bewegungen sichtbar gemacht wird, zeugt von der Meisterschaft Balanchines und der Tänzer.

„Murmuration“ von Edwaard Liang nach dem Violinkonzert Nr. 1 von Ezio Bosso, trotz seiner Monotonie virtuos gespielt von Volkhard Steude, ist eine effektvolle und dynamische Umsetzung der Idee, die Bewegungen und Formationen von Vogelschwärmen in Tanz zu übersetzen. Die Ensemblemitglieder wirbeln durcheinander, vollführen ästhetisch vertanzte Sturzflüge, finden zusammen, werden getrennt. Arme werden kaum flatternd bewegt, es dominiert die fließende Bewegung, Frauenkörper werden schwungvoll um die der Partner geschlungen oder auf dem Boden liegend gedreht. Es ist ein wildes und doch auf Linien und Struktur bedachtes Werk. Verstärkt wird dies erst durch weißen Bühnenhintergrund, später durch vom Schnürboden herabfallende Federn. Kraftvoll und dynamisch führt Roman Lazik ein höchst exakt agierendes Ensemble an.

Nur bei Daniel Proiettos „Blanc“ zur gleichnamigen Musik von Mikael Karlsson und Chopins Prélude op. 28 und Klavierkonzert Nr. 1, bleibt die große Begeisterung aus. Proiettos Beschäftigung mit der Ästhetik der „weißen Ballette“ wie „Les Sylphides“ steht dem Lamento eines Poeten gegenüber, den das weiße Blatt bedrückt: Andrey Kaydanovskiy agiert im Gegensatz zum Sprecher der Uraufführung wortdeutlich und tänzerfreundlich. Inmitten der romantischen Posen zahlreicher Sylphiden tanzt Eno Peci kraftvoll den Schatten des Poeten, doch gehen die einzelnen Leistungen, auch von Natascha Mair, Alexis Forabosco und András Lukács als im fototechnischen Sinne negative Figuren, in der Fülle der Eindrücke unter. Ein mediokrer, verwirrender Abschluss eines eingangs so intensiven Abends.

Reprisen: 17., 20., 21. und 23. Februar, Staatsoper.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.02.2018)

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