Tolle Musik auf der trostlosen Raststätte

Werk X. Das Wiedersehen mit Elfriede Jelineks einstigem „Skandalstück“ – mit Toiletten-Sex! – bereitet wenig Freude.

Lieber Tabledance als Sex mit Überraschungspartnerin wollen die Männer auf der „Raststätte“.
Lieber Tabledance als Sex mit Überraschungspartnerin wollen die Männer auf der „Raststätte“.
Lieber Tabledance als Sex mit Überraschungspartnerin wollen die Männer auf der „Raststätte“. – (c) Yasmina Haddad

Kennen Sie Jodel? Das ist eine App, mit der Studenten unkompliziert ihre Erfahrungen austauschen können. Zum Beispiel über ONS. Nie gehört? Oh doch, ONS ist der gute alte One Night Stand. Ob es Nacht ist bei Elfriede Jelineks „Raststätte oder Sie machens alle“, ist zwar nicht bekannt, aber der kleine Skandal, den Claus Peymanns Uraufführung 1994 im Akademietheater auslöste, ist noch so nachhaltig in Erinnerung, dass die Neuinszenierung im Meidlinger Werk X am Dienstag viele Besucher lockte. Musikerin Jelinek entweihte Mozart. Wirklich? Tatsächlich löste schon „Così fan tutte“ – die Oper aus dem Jahr 1790, die „Raststätte“ persifliert – Kopfschütteln übers frivole Treiben aus.

 

Vokalist Gilbert Handler begeistert

Jelineks Überschreibungen sind ein Stilmittel. Sie verfremdete u. a. „Maria Stuart“, den „Kaufmann von Venedig“ oder „Bunbury“. Inzwischen folgen ihr viele weniger Begabte. „Raststätte“ ist insofern interessant, als das Stück zu Beginn der Datingwelle im Internet erschien. Das Satyrspiel über Sex mit Unbekannten trifft ins Schwarze. Gebundene gieren nach Abwechslung, Männer nach einer schnellen, anonymen Nummer, Frauen hoffen auf zärtliche Sensationen. Inzwischen scheint es, als hätte sich zur rasanten Anbahnung eine konservative Gegenbewegung entwickelt. Junge Leute tauschen nicht mehr so häufig ihre Liebsten (Aids), der Wunsch nach erregenden Überraschungen bleibt.

Auf einer Raststätte pausieren zwei Ehefrauen, per Inserat haben sie sich Tiermänner auf die Toilette bestellt. Doch aus dem heißen Quickie wird zunächst nichts. Der zynische Wirt (in der Oper Don Alfonso) – hier birgt er vielleicht gar einen Teufelshuf in seinen Hauspatschen – stört, und die sportlichen Ehemänner drängen zum Aufbruch. Endlich erscheinen Elch und Bär, der eine vertreibt Büromaschinen, der andere Baumaschinen. Aber die zwei tierischen Rammler geilen sich lieber beim Tabledance auf, als sich den Hausmütterchen zu widmen. Und dann kommt alles anders.

Susanne Lietzow hat inszeniert, Jelineks Stück nennt sie im Programm treffend einen „Porno-Feydeau“. Freilich zeigt Lietzow mehr Talente in der Analyse als in der Praxis. Jelineks Wortkaskaden sitzen den Schauspielern kreuz und quer im Mund wie Balken. Das ist natürlich Absicht, aber am Ausdruck hätte sorgfältiger gefeilt gehört. Überdies ist die Produktion weitgehend humorfrei. Nach einiger Zeit sah man bei der Premiere auch Jüngere gähnen. Sie sind womöglich durch das Internet, Partnerbörsen und Aufrisserfahrungen schon weiter und weiser als die verklemmten Spießer auf der Bühne. Und ein Christus auf der Autobahntoilette wirft heute auch keinen mehr um.

 

Angegraute Avantgarde

Schwer zu sagen, ob dieses Stück gealtert ist oder die Aufführung verunglückt. Die Schauspieler immerhin überzeugen, großartig ist Isabella Szendzielorz als Isolde mit Marilyn-Dauerwelle und künstlichen Speckfalten – und das Allerbeste ist die Musik. Vokalist Gilbert Handler entstellt bekannte Hits zur Kenntlichkeit – darauf zielt auch Jelinek in ihrer Arbeit. Beredt ist ferner Peter Lahers Bühnenbild, ein hallender, bunkerartiger, vermüllter Raum voll unheimlichem Sound und Leuchtkästen mit provokanten Botschaften („Neue Wohnungen statt neue Muscheen“ sic!). Alles in allem wirkt dieses grelle Avantgardedrama jedoch angegraut.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.04.2018)

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