Emma Bovary in der Geisterbahn

Kritik „Madame Bovary“. Die Josefstadt belehrt Flaubert: Nur Bürgertum und Unfreiheit der Frau machen Emma unglücklich. Ein schönes Gruselkabinett – doch auf Dauer wird's darin zu eng.

Zerstörerisch wie die zehnarmige indische Göttin Kali: Maria Köstlinger und ihre vier Zusatz-Emmas.
Zerstörerisch wie die zehnarmige indische Göttin Kali: Maria Köstlinger und ihre vier Zusatz-Emmas.
Zerstörerisch wie die zehnarmige indische Göttin Kali: Maria Köstlinger und ihre vier Zusatz-Emmas. – APA/HERBERT NEUBAUER

Fehlt nur noch Nicole Kidman: Viktorianische Schauerromantik im Stil von „The Others“ umgibt auf der Bühne die fünf Emma Bovarys, die selbst nicht weniger unheimlich sind. Die Braut Emma hat Greisenarme, ein Greisengesicht. Die Tochter Berthe ist eine starr blickende Puppe von grauenhafter Niedlichkeit. Das Klavier beginnt hier zwar nicht von selbst zu spielen, aber Hauptdarstellerin Maria Köstlinger spielt darauf düstere Klagesongs. Aus den Wänden in modrigem Grün mit gotisch hohen Glasfenstern klappt ab und zu eine schmale Plattform hinunter wie ein Schwert, ein Phallus; schwindelerregend auch die Leiter, auf der Emma zu ihren Büchern hinaufflüchtet. Alles hier atmet von Anfang an die Verwesung. Hier verdirbt Emma nicht, wenn sie sich als Ehebrecherin immer tiefer in Lügen verstrickt und schließlich ihren Mann finanziell ruiniert. Sie ist von Anfang an verderbt und destruktiv. Unausweichlich.

 

Verzweiflung im Höllenbordell

„Das brutale Element steckt in der Tiefe“, schrieb der französische Schriftsteller Gustave Flaubert 1856 über seinen Roman – und das Programmheft zitiert ihn sogar. In der Regie ist es an der Oberfläche. Wir sind hier in einem Gruselkabinett der Gemeinheit und Perversion, sehen Köstlinger als kraftvolle, aber dauerrasende Emma am Ende sogar in einem Höllenbordell zwischen Teufelchen im Lackkleid verzweifeln. Und es gibt für dieses Elend allzu klare Schuldige: Obwohl die in der DDR geborene, 40-jährige Regisseurin Anna Bergmann Flauberts Prosa viel Raum gibt – Christian Nickel spielt nicht nur souverän Emmas Verführer Rodolphe, sondern erzählt auch –, hat sie den Text so zugerichtet, dass die Botschaft deutlicher nicht mehr sein könnte: Emma ist ein Opfer unemanzipierter bürgerlicher Verhältnisse. Ja, gut – wenn es noch andere Emmas gebe, aber man sieht sie kaum, obwohl hier fünf Stück in allen Altersstufen wirklich beeindruckend umherschwirren (Silvia Meisterle, Bea Brocks, Therese Lohner und Ulli Fessl).

Auch Emmas zweiter Liebhaber, der junge Schwärmer Léon, ist mit Meo Wulf bestens besetzt, und Siegfried Walther ist ein Händler Lheureux mit Mephistoqualitäten. Und doch fühlt sich diese geistig eng geführte „Madame Bovary“ im Lauf des äußerlich aufregend gestalteten Abends immer dünner, weil vorhersehbarer an. Weiter und weiter wird die Botschaft ausbuchstabiert. Tisch und Bett seien Instrumente von Emmas Gefangenschaft gewesen, erfährt man sogar. Und Tochter Berthe hält dem Publikum einen Vortrag darüber, dass ihre Mutter nicht erwachsen werden will.

Schade, zumal die Regisseurin auch ihre Liebe zu Flauberts Prosa zeigt. Seine „Madame Bovary“ wirkt heute nicht mehr skandalös, aber immer noch brutal – durch die Art, wie Flaubert sie erzählt: wie ein „Deus absconditus“, nie direkt zu hören und doch versteckt in allem gegenwärtig. Ein eiskalter Gott. Diese Prosa ist der Grund, warum unter den unzähligen Geschichten von Ehebrecherinnen und unglücklichen Frauen gerade „Madame Bovary“ überlebt hat und bis heute als einer der größten Romane der Weltliteratur gilt. Für ein schlichtes gesellschaftskritisches Lehrstück ist er zu schade.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.04.2018)

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