"Die Besessenen": Schnäppchenjagd im Spukschloss

Die Uraufführung von Johannes Kalitzkes "Die Besessenen": Eine extrem verdichtete, fast atemlose Oper im Theater an der Wien.

FOTOPROBE DIE BESESSENEN
FOTOPROBE DIE BESESSENEN
(c) APA/HERBERT PFARRHOFER (HERBERT PFARRHOFER)

Ein Handtuch? „Don't panic!“ In Douglas Adams' „Hitchhiker“-Serie stellt es bekanntlich das mit Abstand nützlichste Utensil im ganzen Universum dar – Hardcore-Fans begehen sogar den 25.Mai alljährlich als „Towel Day“. Bei Witold Gombrowicz hingegen, auch er war durchaus mit hintergründigem Humor gesegnet, wird das Handtuch zum Anlass panischer Angst – als Spukobjekt, als grausiges Symbol für eine nicht wieder gutzumachende Schuld in der Vergangenheit.

Als Schauerroman werden „Die Besessenen“ meist rubriziert – ein Irrtum. So, wie es Gombrowicz stets um die Sprengung formaler Kriterien ging, spielt er auch hier mit den Topoi eines Genres, ohne dessen Gesetze zu erfüllen, er hintertreibt sie vielmehr auf subtile Weise: Am Unheimlichsten wirkt nicht das erwähnte geisterhafte Handtuch, sondern sind vielmehr die von Selbstsucht und Profitgier getriebenen Menschen.

Wiederentdecktes Werk. 1939 als Fortsetzungsroman in polnischen Zeitungen erschienen, galt dieses einzige in der dritten Person verfasste Buch des Autors lange Zeit als verschollen: Gombrowicz war von Hitlers Überfall auf Polen auf einer Südamerikareise überrascht worden und in der Folge 24 Jahre lang nicht nach Europa zurückgekehrt. Erst kurz vor seinem Tod 1969 wurden „Die Besessenen“ wiederentdeckt – und fanden zuletzt im Zuge von Gombrowicz' 100. Geburtstag 2004 größere Beachtung. Christoph Klimke, als Bühnenautor in Wien etwa mit „Spiegelgrund“ (Uraufführung 2005 am Volkstheater) bekannt, hat nun gemeinsam mit dem Komponisten Johannes Kalitzke bei diesem Auftragswerk fürs Theater an der Wien den 400-Seiten-Wälzer zu einem mustergültig schmalen und doch konzisen Opernlibretto reduziert.

Und fast scheint es, als hätte Kalitzke, dieser so erfahrene und versierte Dirigent neuer Musik, in manch allzu umfangreicher Partitur von Kollegen gefährliche Leerläufe erblickt. Denn er ließ sich bei seinem mittlerweile vierten Musiktheaterwerk nirgends zu epischer Breite verleiten, sondern heizt die mal düstere, mal groteske Atmosphäre der Geschehnisse mit seinen hochkomplex-attraktiven Klängen nur weiter an: Das mag man an einigen Stellen bedauern, an denen seine Musik – nun, nicht mehr Zeit gebraucht, aber doch mehr Zeit verdient hätte, sich auszubreiten. Zumal dann, wenn das virtuose Klangforum Wien unter Kalitzkes eigener Leitung die verlangte reiche Palette zwischen Elektroniksamples, vierteltönig angeschrägter Tonalität sowie Allusionen an Musikhistorie und Pop-Topoi bei allen angestrebten Kontrasten bruchlos zu einem aufregenden Ganzen zu vereinen weiß.

Tönendes Entsetzen. Das Orchester flicht Verdeutlichung, Überhöhung und Kommentar der Handlung zu einem straff gespannten Strang, der lyrische Schönheiten ebenso kennt wie geheimnisvolles Geklingel und tönendes Entsetzen. Die leicht verstärkten Singstimmen finden dort und da zu disparaten Ensembles zusammen, bleiben aber oft nahe am Sprechtonfall– mit einer gewichtigen Ausnahme: Expressive Melismen reichern die Kantilenen des alten Fürsten Holszanski an, dem Jochen Kowalski szenisch wie musikalisch bewegende Kontur verleiht. Einst hat er seinen unehelichen Sohn nicht anerkannt, der sich daraufhin mit dem bewussten Handtuch erwürgen wollte und seither verschwunden ist. Ohne des Sohnes Verzeihung erlangt zu haben, kann der von Schuld und Reue geknickte Alte aber nicht sterben... Als sei Chéreaus „Jahrhundert-Ring“-Loge in Kleidung von Albert Fortell geschlüpft (Kostüme: Marie í Dali), wankt dieser noble Clochard schon vor Einsatz der Musik in einer überlangen, stummen Zeitschleifenszene verloren durch eine ihm fremd gewordene Welt – denn in der Inszenierung von Kasper Holten wurde das Schloss von Roman und Libretto in einen Supermarkt unserer Zeit verwandelt (Bühne: Steffen Aarfing).

Hier hat Maja (überzeugend kapriziös: Hendrickje van Kerckhove) beim Wii-Tennis den jungen Lesczczuk (Benjamin Hulett) kennengelernt, der sie mehr interessiert als der biedere Filialleiter Cholawicki (prägnant: Leigh Melrose), mit dem ihre Mutter (Noa Frenkel) sie verheiraten will – weil er des alten Holszanksis Gemäldesammlung erben wird, die der Kunsthistoriker Skolinski (Manfred Hemm) bewundert, auf die es aber freilich alle abgesehen haben. Als der Heiratsplan scheitert, kommt der nächste, nun vollends ungustiöse Wunschschwiegersohn ins Spiel: Rupert Bergmann gibt diesen ebenso fetten wie reichen Ekel-Prolo, der bald erdrosselt wird – von unbekannter Hand.

Regungslos, seelenlos. Immer wieder erstarren die Protagonisten in Posen von Schaufensterpuppen, regungs- und seelenlos. Längst gilt im Zeitalter kultureller Verwahrlosung hier nicht mehr der ideelle, sondern nur mehr der pekuniäre Wert der Kunst. Dieses Regiekonzept mag zwar nicht an jeder Stelle aufgehen, unterbindet aber, das Stück als grausig-wohliges Märchen abzutun. Märchenhaft und für alle ohne Panik zu genießen: der einhellige Publikumsjubel nach kaum 80 Minuten – für eine Oper, die man jedenfalls zweimal hören sollte.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.02.2010)

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