"Limonov" im TAG: Eine halbe Bühne für einen Widerling

Die Theatergruppe Toxic Dreams lässt in „Limonov“ den russischen Polit-Provokateur Eduard Limonov gewitzt um Aufmerksamkeit ringen.

Anna Mendelssohn als intellektuelle Autorin im unmöglich geschnittenen Kostüm, Markus Zett als zunächst pudelnackertes Baby, aus dem noch eine schillernde, wenn auch jämmerliche Figur wird.
Anna Mendelssohn als intellektuelle Autorin im unmöglich geschnittenen Kostüm, Markus Zett als zunächst pudelnackertes Baby, aus dem noch eine schillernde, wenn auch jämmerliche Figur wird.
Anna Mendelssohn als intellektuelle Autorin im unmöglich geschnittenen Kostüm, Markus Zett als zunächst pudelnackertes Baby, aus dem noch eine schillernde, wenn auch jämmerliche Figur wird. – TimTom

Der Protagonist ist, das ist schnell festgestellt, ein ziemlicher Widerling. Eitel, egozentrisch, feixend überheblich, gewissenlos. Und sehr darauf bedacht, ein Leben zu führen, das faszinierend ist. Aber war/ist es das, das Leben des Eduard Limonov, dieses russischen Vollzeitprovokateurs, der stets radikal dagegen war, wogegen auch immer? Immerhin hat der französische Autor Emmanuel Carrère ihm einem Roman gewidmet, einen Bestseller: „Limonov“. Das Buch hat wiederum Yosi Wanunu, Leiter der Theatergruppe Toxic Dreams, inspiriert; in seinem gleichnamigen englischsprachigen Stück, mit dem er sich nun im Theater an der Gumpendorfer Straße eingemietet hat, fächert er Limonovs Lebenslauf in Form eines verspielten Dialogs auf.

Markus Zett spielt den von linksextrem nach rechtsextrem geschwenkten Populisten in allen Lebensstationen: als pudelnackertes Baby, kleinkriminellen Teenager, Bohemian in Moskau, der sich für seine Angebetete die Pulsadern aufritzt, Punk-Poet in New York, exzentrischer Schriftsteller in Paris, Parteigründer zurück in Moskau. Einnehmender noch ist die Darstellung von Anna Mendelssohn als kühle, aber gewitzte Autorin, die Limonovs Episoden für ein Buchprojekt lenkt – zumindest am Anfang: Denn das Spiel auf der zweigeteilten Bühne wird zusehends zum Ringen der Figuren um Erzählmacht und Deutungshoheit, und man fragt sich: Wer nutzt hier wen aus? Limonov die Autorin, die ihm die Aufmerksamkeit verschaffen kann, nach der er so lechzt? Oder sie ihn, der ihr Geschichten liefert, mit denen sie die Herzschläge ihres Publikums so schön synchronisieren kann?

Jeder Karton eine Lebensstation: Eduard Limonov will zunehmend die Inszenierung seiner Geschichte mitbestimmen. – TimTom

Irgendwann ekelt sie dieser „unbedeutende Faschist“ jedenfalls nur noch an. In einer netten Wendung kehrt sie das Jämmerliche in ihm hervor – mit dem Nebeneffekt, dass sich das Stück dadurch gewissermaßen selbst aufhebt . . . Ein (trotz Längen) unterhaltendes und kluges Stück über Populismus und die Sehnsucht nach Anerkennung um jeden Preis.

Zu sehen noch bis Freitag, 18. Mai, immer 20 Uhr, Theater an der Gumpendorfer Straße.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.05.2018)

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