Maria Happel oder: Die Rache einer Frau

Burgtheater. Frank Hoffmann zeigt bei Dürrenmatts „Besuch der alten Dame“ statt der etwas platten Kapitalismuskritik die antike Tragödie. Diese Idee bewährt sich – ebenso wie die liebenswerte und jugendliche Besetzung für die Hauptrolle.

Burhhart Klaußner als Alfred Ill und Maria Happel als Claire Zachanassian in "Besuch der alten Dame"
Burhhart Klaußner als Alfred Ill und Maria Happel als Claire Zachanassian in "Besuch der alten Dame"
Burhhart Klaußner als Alfred Ill und Maria Happel als Claire Zachanassian in "Besuch der alten Dame" – APA/ROLAND SCHLAGER

Weil ich ein Mädchen bin: Diese mutwillige Ansage wählte eine Drogeriemarktkette für ihre Werbung, u. a. mit Dagmar Koller, kein Mädchen mehr, aber mädchenhaft. Mädchen lehren heute ihre Peiniger das Fürchten: #Metoo! Doch was macht sie aus, die erfolgreichen Frauen, die sich nichts mehr gefallen lassen? Friedrich Dürrenmatt (1921-1990) hat eine vergleichsweise beruhigende Antwort gefunden: Die Damen sind auch nicht besser als die Herren. In seinen zwei Welterfolgen setzte der Schweizer Pfarrerssohn unholde Weiblichkeit an die Spitze seiner Stücke: In den „Physikern“ die Irrenärztin Mathilde von Zahnd und in „Der Besuch der alten Dame“ die Multimilliardärin Claire Zachanassian. Beide Werke tragen den Stempel der Nachkriegszeit und zielen auf die Frage wie der absolute Horror zweier Weltkriege zu erklären sei?

Von Elisabeth Flickenschildt bis zur Schweizerin Annemarie Düringer, von Milva (in Reichenau) bis  Pia Douwes (im Musical) haben viele die Claire Zachanassian gespielt, oft als gallige und gnadenlose Diva. Maria Happel im Burgtheater ist eine eher jugendliche und liebenswerte alte Dame. Frank Hoffmann, der Intendant der Ruhrfestspiele, hat inszeniert. Er zeigt eine Frau, die von der Wirkung der Konfrontation mit ihrer Vergangenheit und ihrer alten Liebe, dem Kaufmann Ill, überrascht wird – und sich fragt: „Was macht denn das mit mir?“

 

Alte Liebe, Schuld und Schulden

Diese Claire bleibt zwar bei ihrem Vorsatz, gequält soll er werden, aber es fällt ihr nicht leicht. Ihre stärkste Szene hat Happel, als sie gegen Ende im Dirndl, einst schlicht, jetzt prunkvoll, dem frühen Mann ihrer Träume die Stirn streichelt. Zu diesem Zeitpunkt hat Ill die Unveränderbarkeit seines Schicksals begriffen: Besetzt ist der graue Kaufmann mit dem charismatischen Gast Burghart Klaußner, bekannt aus Film und Fernsehen, aber auch ein beachtlicher Bühnenschauspieler, der punktgenau die Entwicklung des triumphierenden Biedermanns und Machos zum gefassten Büßer vollzieht.

Als Satire auf den Kapitalismus ist das Stück nur mehr bedingt tauglich, Reichtum basiert keineswegs nur auf der Grundstoffindustrie und Reiche kann man kaum derart über einen Kamm scheren wie es Dürrenmatt tut. Der Regisseur zeigt die Tragikomödie als griechische Tragödie mit Schuld, Sühne und Katharsis. Einer muss bluten, aber am Ende bleibt niemand ungeschoren.

Auch der Grundsatz, dass Schuld mit Schulden zusammenhängt und wer zahlt, befiehlt, ist stimmig herausgearbeitet. Der angegraute Moralismus des Dramas im Hinblick auf die Wirtschaft erhält so einen Dreh ins Aktuelle. Deutlich zeigt Hoffmann Dürrenmatts harsche Medienkritik. Die Aufführung, zwei Stunden ohne Pause, hat eine wuchtige Ernsthaftigkeit, die sich auszahlt. Einiges erheitert wie Roland Koch als Bürgermeister, der viel redet, aber wie mancher Politiker keinen geraden Satz zustande bringt. Diese Koch-Nummer ist nicht neu, doch Szenenapplaus belohnt sein Gehaspel. Daniel Jesch punktet als Polizist mit Akrobatik, auch sie gefiel dem Premierenpublikum.

Dietmar König überzeugt als lauterer Lehrer, der sozusagen vom Paulus zum Saulus wird. Hans Dieter Knebel begeistert mit einem Minimalismus, den nur er beherrscht: Dieser Schauspieler poliert kleine Rollen zu Diamanten. Diesmal ist es der Butler und ehemalige Richter im Vaterschaftsprozess um das Kind, das Claire von Ill erwartete und das dieser verleugnete. Auch die übrigen Spieler sind gut geführt. Unterm schon etwas überstrapazierten Riesenhaken und im Bunker (Bühne: Ben Willikens) rundet sich die Produktion nach einem etwas leblos-altmodischen Beginn zu einem dichten Abend. Hoffmann hat schöne Funken aus diesem Altertum geschlagen.

Und Burgchefin Karin Bergmann beweist nach Aufführungen wie „Radetzkymarsch“, „Eines langen Tages Reise in die Nacht“ oder „jedermann (stirbt)“, dass sie den kniffligen Balanceakt schafft, packenden Stoff fürs große Haus aufzuspüren.

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