Festspiele Reichenau: Der Triumph des Ensembles

Kritik Franz Werfels „Cella“ über Österreich kurz vor 1938 schloss den heurigen Premierenreigen ab: Besser als jede Dokumentation, eine Hauptperson fehlte.

FESTSPIELE REICHENAU: 'CELLA'
FESTSPIELE REICHENAU: 'CELLA'
FESTSPIELE REICHENAU: 'CELLA' – APA/ROBERT JAEGER

Wie in manchen Hotels scheinen auch bei den Festspielen Reichenau Kinder nicht willkommen zu sein. In Schnitzlers „Vermächtnis“ krähte es aus dem Gitterbettchen, vom Band, gut, einen Vierjährigen auf die Bühne zu bringen ist wohl wenig praktikabel. Bei „Cella“ von Franz Werfel, seit Donnerstagabend im Neuen Spielraum zu sehen, fehlte jedoch die titelgebende Hauptperson, das 15-jährige Wunderkind Cella. Reichenau ist eine Seniorenhochburg, dagegen ist nichts einzuwenden, aber Kinder und Jugendliche auf der Bühne wären einmal ein Anfang, sich zu verjüngen, was sowieso dringend nötig ist.

Im Roman „Cella“ beschreibt Werfel den Einmarsch der Nationalsozialisten in Österreich 1938, durchdringend hellsichtig, obwohl er nicht dabei war. Das mit 300 Seiten im Vergleich zu Doderers „Strudlhofstiege“ schmale Buch – Werfel hat es einen Versuch genannt, obwohl es recht vollständig wirkt – zeichnet wie Doderers Wälzer kenntnisreich gesellschaftliche Gruppen und Charaktere.

Cella ist eine begabte Pianistin, ihr Vater, Rechtsanwalt, fördert sie ebenso liebevoll, wie die Mutter sie beschützt. Am 12. März 1938 soll Cella (Cäcilie) erstmals ein Konzert vor prominentem Publikum geben . . .

 

August Schmölzer, souverän als Anwalt

Bestsellerautor Werfel (1890–1945) konnte sich in viele Milieus einfühlen. Der Sohn eines Handschuhfabrikanten aus Prag, jüdisch-deutsch-böhmischer Herkunft, hatte Sympathien für die Monarchie, schwärmte für den Katholizismus – und wurde von der energischen Muse Alma Mahler-Werfel angetrieben. Werfel gelang die Flucht nach Amerika, dort starb dieser Experte österreichischen Wesens, in dessen Werk sich Glut, Empathie und messerscharfe Analyse amalgamieren. Werfels Bücher waren Pageturner, als es diesen Begriff noch nicht gab.

Doch auch Nicolaus Hagg, der für Reichenau schon öfter Romane erfolgreich bearbeitet hat, versteht sich auf das Herstellen atemloser Spannung mittels schlagfertiger Dialoge. Und Regisseur Michael Gampe hat diesmal dankenswerterweise auf Überzeichnung verzichtet und inszeniert sozusagen vom Blatt. Kaum einer, der an diesem Abend nicht großartig ist: TV-Star August Schmölzer spielt gewohnt souverän den Anwalt Hans Bodenheim, einen bescheidenen Mann, der seine Gretl (zauberhaft und ungewohnt hausbacken: Julia Stemberger) vergöttert, obwohl er ahnt, dass ihre wahre Leidenschaft einem anderen gegolten hat: dem schillernden Zoltan Nagy, der seine Fahne nach dem Wind hängt, der Partei früh beitritt und Bodenheim vor der Exekution durch die NS-Schergen rettet. Sascha O. Weis zeigt diesen Glücksritter mehr als einen Menschen in seinem Widerspruch als einen zynischen Hasardeur, aber das ist wohl im Sinn Werfels, der alle Figuren, auch die miesen, verstehen – und verständlich machen wollte.

David Oberkogler ist köstlich als Styxi, ein Esterhazy-Prinz, der auch nach dem 17. Viertel noch ein Bonmot parat hat. Selten sieht man einen so überzeugenden typisch österreichischen Aristokraten auf der Bühne: Er weiß viel, tut nichts, resigniert musisch und weiß unüberbietbar elegant seinen Frack zu tragen. Auch eine Kunst.

 

Ein Aristokrat, wie er im Buch steht

André Pohl gibt den Industriellen Weil, der weiß, was auf Österreich zukommt. Auch diese Figur könnte vielschichtiger sein, aber Pohls Beredsamkeit beeindruckt, und er bringt Menschlichkeit ein, nicht unbedingt typisch für einen Geschäftsmann. Martin Schwab als kluger, galliger Klavierlehrer Scherber, Toni Slama als fantastisch und authentisch als Oberstleutnant Grollmüller, Philipp Stix als freundlicher Kaplan und Gerhard Roiss als Kleinkrimineller Hipfinger: Bei diesem Ensemble stimmt einfach alles. Peter Loidolt hat auch heuer wieder die Bühnenbilder gemacht, hier gefällt eines besonders: die Gefängniszelle, die aus gläsernen Rohren gebildet ist, in denen sich Stacheldraht emporwindet. Diese Produktion, die beste einer insgesamt starken Saison in Reichenau, ist vielleicht auch der lebendigste Beitrag zum heurigen Gedenkjahr.

 

Programm 2019: F. Scott Fitzgerald

Das Programm für 2019 steht bereits fest: Gespielt wird „Die Schönen und die Verdammten“, Scott Fitzgeralds großartiger Roman über den Aufstieg der USA nach dem Ersten Weltkrieg und die dortige High Society: Das 600-Seiten-Buch ist auch sehr lesenswert. Zu sehen sind weiters „Der Ruf des Lebens“ (Schnitzler), „Ein Monat auf dem Lande“ (Turgenjew) und Werfels „Blassblaue Frauenschrift“ (die Erzählung war schon einmal in Reichenau zu erleben). Renate Loidolts Literaturmatinee gilt Thomas Manns Novelle „Mario und der Zauberer“.

Die Prinzipalin gestaltet auch die Programmhefte, in denen u. a. die Geschichte der einzelnen Figuren der Stücke beschrieben wird. Das ist eine gute Idee, die sich auch für Aufführungen in Wien empfehlen würde. Theater braucht mehr Vermittlung in Zeiten, da der Bildungskanon volatil wird oder ganz zerbröselt. In diesem Sinne noch einmal: Mehr Jugend nach Reichenau!

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.07.2018)

Die Presse - Testabo

Testen Sie jetzt „Die Presse“ und „Die Presse am Sonntag“ sowie das „Presse“-ePaper und sämtliche digitale premium‑Inhalte 3 Wochen kostenlos und unverbindlich.

Jetzt 3 Wochen testen
Meistgekauft
    Meistgelesen
      Kommentar zu Artikel:

      Festspiele Reichenau: Der Triumph des Ensembles

      Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
      Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.