Sommerspiele Gutenstein

Dieser ländliche Raimund möchte jedermann gefallen

Kritik Veronika Glatzner inszenierte zum 25-Jahr-Jubiläum einen bunten „Verschwender“ mit durchschnittlichen Schauspielern. Der teilweise recht amüsanten Aufführung fehlt eine zwingende Idee. Das Dienerpaar erfreut, auch die Prinzipalin Andrea Eckert als Azur.

Es gibt wenige Sommerspielorte mit einem derart häufigen Führungswechsel wie Gutenstein, auch die Qualität schwankt.
Es gibt wenige Sommerspielorte mit einem derart häufigen Führungswechsel wie Gutenstein, auch die Qualität schwankt.
Es gibt wenige Sommerspielorte mit einem derart häufigen Führungswechsel wie Gutenstein, auch die Qualität schwankt. – (c) ROBERT LUNAK

Der 25. Geburtstag der Raimundspiele Gutenstein bot bei der Eröffnung am Mittwochabend den Lokalpolitikern reichlich Anlass für Pathos. Tatsächlich zahlt den Löwenanteil des NÖ-Theatersommers das Land. Und es gibt wenige Sommerspielorte mit einem derart häufigen Führungswechsel wie Gutenstein, auch die Qualität schwankt.

Aus dürftigen Anfängen stieg dieser kleine Theaterphönix vor dem Hoyos-Schloss in Raimunds bezauberndem Urlaubsort 2000 zum attraktiven Spielort auf – dank des energischen ORF-Programmintendanten Ernst Wolfram Marboe (1938–2012). Derzeit führt Schauspielerin Andrea Eckert, die sich das Etikett Publikumsliebling mit Fleiß erworben hat, die Sommerspiele, sie probiert allerhand aus, mit wechselhaftem Gewinn. Heuer inszenierte Kollegin Veronika Glatzner Raimunds „Verschwender“. Sie scheint stark von Michael Sturminger beeinflusst, bei ihm hat sie gespielt – und in Perchtoldsdorf, wo er Intendant ist, 2017 eine spannende „Minna von Barnhelm“ herausgebracht.

Wie Sturminger setzt Glatzner auf eine Fülle von Ideen, eine zündende These aber fehlt, was beim viel gespielten „Verschwender“ nötig wäre. Es gibt die dunklen, todtraurigen Raimund-Inszenierungen, wie sie Helmut Wiesner oft wunderbar beherrscht hat, es gibt das Spiel mit dem alten Zauberspiel, das leicht antiquiert wirken kann, oder die Satire. Es wäre nicht schlecht, bei diesem Wiener Klassiker neue Wege zu beschreiten.

Ein kleiner Bub begeistert zum Auftakt der Premiere, er bläst die Trompete, nicht immer richtig, aber forsch zur Jagd, die feine Gesellschaft auf des reichen Julius Flottwells Anwesen schläft noch. Im „Verschwender“ (1834) steckt viel, der Protagonist erinnert an den Jedermann und an Nestroys zehn Jahre später entstandenen „Zerrissenen“, auch Shakespeares „Sommernachtstraum“ flackert zart herein. Martin Bermoser wirkt als Protagonist fast zu liebenswürdig, der Flottwell ist auch ein verwöhnter, unberechenbarer Kerl. Sein mieser Kammerdiener Wolf (Dominik Warta), der sich an seinem Herrn bereichert, muss hier manieriert turnen, eine Variation über das Buckeln. Grischka Voss macht viel Wind um ihre wirkungsvollen Nebenrollen, die aber zu grob gestrickt sind, ferner stört ihr deutscher Akzent. Witzig ist sie als punkige Gärtnerin.

 

Geflüster um die VT-Nachfolge in Wien

Auch Eduard Wildner als französischer Aristokrat und Raphael Nicholas übertreiben, Letzterer bringt als Architekt Raimunds köstliche Bosheiten gegen die seinerzeit wie heute boomende Bauindustrie effektvoll über die Rampe. Die Sprache ist überhaupt ordentlich einstudiert. Ein sympathisches Paar sind Holger Schobers Valentin und seine Rosa (Elisa Seydel). Andrea Eckert sorgt als Bettler und Geist Azur für Poesie und Mysterium, die der Aufführung abgehen.

Michael Sturmingers Kinder Paul und Marie zeigen Talent für originelle Bühnengestaltung und Kostüme. Besonders nett ist die vom Biedermeierlichen weg verfremdete Musik. Seit klar ist, dass Anna Badora das Wiener Volkstheater 2019/20 verlassen wird, flüstert es in Wien: „Holt die Eckert!“, sie war bereits nach dem Ende der Ära Emmy Werners 2005 als VT-Chefin im Gespräch.

Charisma hat Eckert – und einen Riecher fürs Publikum. Ob sie genug künstlerische Kraft hat, das inzwischen recht krisenhafte Volkstheater in die Zuschauergunst zurückzubefördern, ist fraglich. Sicher ist, alles hängt von erstklassigen Schauspielern ab. Das sind diese hier nicht. Aber: Gutenstein hat einen weiteren brauchbaren Raimund. Für 2019 ist dort ein Biopic des Dichters von Felix Mitterer angekündigt. Viel Glück!

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.07.2018)

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