ImPulsTanz: Start mit Fistelstimme und düsteren Visionen

Dave St. Pierre amüsierte und berührte mit „Néant/Void“ im Odeon.

Man spürte es sofort: Die Blonde kommt nicht bei allen an. Dave St. Pierre zeterte schon vor dem Saaleinlass zur ImPulsTanz-Eröffnung unübersehbar: Er steckte nackt in einem durchsichtigen Kleidersack, trug zum dunklen Vollbart eine zerzauste Damenperücke, drängelte sich vor und versuchte unablässig mit einer Fistelstimme, die Zuschauer in eine Diskussion zu verwickeln. „Hurry up! Take a seat! We're already ten minutes late!“, ermahnte er kreischend. Wer St. Pierres Alter Ego nicht mag, wird mit dieser Show nicht glücklich, denn er schlüpft immer wieder in die Rolle dieser sympathisch kindlichen Figur, die sich über aufblasbare Rehe ebenso naiv freuen kann wie über seinen lustig kreisenden Penis. Und wie respektlos die Blonde ist! Da werden sogar Ikonen wie Pina Bausch oder Maria Abramović durch den Kakao gezogen.

Als die Blonde setzt sich der Tänzer und Choreograf bewusst dem Risiko der Lächerlichkeit aus. Umso mehr berühren die beklemmenden Sequenzen seines Solos „Néant/Void“ („Nichts“), in denen er die Perücke ablegt und zu an den Nerven zerrenden Sounds tanzt oder – von einer Plastikfolie umweht – zur lebenden Statue erstarrt. Videoprojektionen von tränenden Augen, stummen Schreien, Blutbahnen oder einem skelettierten Körper wecken düstere Assoziationen. Ein Plastiksack über dem Kopf, ein schweißtreibender Tanz im geschlossenen Kleidersack lassen nach Atem ringen. Doch da ist sie wieder, die Blonde, und mault: „It's too loud! It's too long!“ Alles dauert ihr zu lang. Da ist ein Teil der Zuschauer bereits gegangen – St. Pierre hat nur zu einigen von ihnen einen Draht gefunden. (i. w.)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.07.2018)

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