„Jedermann“ oder: Hofmannsthals Frauenbilder

Tod und Teufel werden auf dem Domplatz von Männern gespielt. Gute Werke und Glaube von Damen. Warum denn das?

Martina Stilp ist neu im „Jedermann“- Team: Sie spielt Schuldknechts Weib.
Martina Stilp ist neu im „Jedermann“- Team: Sie spielt Schuldknechts Weib.
Martina Stilp ist neu im „Jedermann“- Team: Sie spielt Schuldknechts Weib. – (c) Lukas Beck

Die Marschallin im „Rosenkavalier“ nimmt sich einen jungen Liebhaber, Elektra ist ein wahrhaft wildes Weib und Arabella eine emanzipierte Dame des Fin de Siècle. Hugo von Hofmannsthal (1874–1929) gilt als konservativ, in seinen Opernlibretti für Richard Strauss war er das nicht. Auch in seinen Sprechstücken kommen eigenwillige Damen vor wie etwa Helene Altenwyl, die sich den „Schwierigen“ erobert – und er sie. In Hofmannsthals Zeit war die Rolle der Frau stark im Umbruch, es gab traditionelle Damen und solche, die in Richtung Moderne strebten.


Nie mehr Beiwagerl. Ganz konventionell wirkt der „Jedermann“. „Ein Bub ist frech und ohne Art, ein Mann ist großmütig und zart“, schmeichelt die Buhlschaft ihrem Oldie. Ein Donald Trump wäre von so einer Frau wohl begeistert, First Lady Melania scheint allerdings von ihm abzurücken. Die Frau an der Seite eines Mächtigen zu sein, füllt nicht jede Dame aus. Auch in Salzburg wird versucht, die Buhlschaft, bei der noch immer ungeniert ihre Körperformen diskutiert werden, zu emanzipieren und sie quasi an ihrem eigenen Text vorbei zu schummeln. Buhlschaften, die Eigenständigkeit ausstrahlen, gibt es schon lange. Einige Beispiele: Sophie Rois (siehe oben), Birgit Minichmayr, Brigitte Hobmeier – die mit dem Rad auf die Bühne fuhr –, oder heuer Stefanie Reinsperger. Diese bricht allerdings nach einer tollen Karriere in Wien Richtung Deutschland auf. Bei ihrer Vorstellung als Buhlschaft wurde Reinsperger gefragt, welche Rolle sie am liebsten in diesem Stück spielen würde, darauf antwortet sie kurz und bündig, den Jedermann selber. Eine solche Revolution wird es nicht so bald geben, „Jedermann“ ist eine Cashcow der Salzburger Festspiele und auch für die Touristen da.


Tödin. Womöglich sind manche froh, dass der „Jedermann“ bisher von gewissen Kapriolen des Regietheaters verschont geblieben ist. Aber vielleicht könnte man einmal klein anfangen und den Mammon oder den Tod mit einer Frau besetzen. Bei „jedermann (stirbt)“ von Ferdinand Schmalz, im Burgtheater spielt Barbara Petritsch eine beachtliche Tödin. Für das Spiel auf dem Salzburger Domplatz werden vermutlich 2020 die Karten neu gemischt, dann ist es 100 Jahre her, dass der Schlager der Festspiele dort erstmals stattfand. Dies wäre eine passende Gelegenheit von den festen Geschlechterrollen abzugehen. Tod und Teufel spielen im „Jedermann“ Herren, die Guten Werke und der Glaube werden von Frauen verkörpert. Regisseur Michael Sturminger hat der Festspielattraktion zuletzt einen kräftigen Schubs in Richtung Society verpasst, während seine Vorgänger Julian Crouch und Brian Mertes das historische Erscheinungsbild glänzend aufpolierten, was der englischen Tradition entspricht, wo auch Shakespeare noch immer oft „vom Blatt“ gespielt wird.

Auch das Hofmannsthal-Stück beruht ja auf dem britischen „morality play“ „Everyman“ aus dem 15. Jahrhundert. Man ahnt schon: Der „Jedermann“ ist ein Besserungsstück, er diente der Frage nach der Erlösung, nicht dem Regietheater und schon gar nicht dem Umsturz. Eine kleine Neubesetzung gibt es bereits im heurigen Jahr auf dem Domplatz: Martina Stilp tritt als Schuldknechts Weib ins „Jedermann“-Ensemble ein, Text hat sie fast keinen, obwohl die gebürtige Deutsche große Rollen am Volkstheater gespielt hat, etwa mit Andrea Eckert in Schillers „Maria Stuart“ oder die Anna Karenina. Seit 2015/16 ist Stilp Ensemble-Mitglied am Theater in der Josefstadt, wo sie u. a. in der Uraufführung von „Niemand“ zu sehen war, einem kaum bekannten Horváth-Stück.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.07.2018)

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