„Der gute Mensch von Sezuan“: Es regnet auf Brechts Tabakladen

Peter Wittenberg hat das Lehrstück „Der gute Mensch von Sezuan“ menschlich-ironisch inszeniert. Das trifft die Parabel, ist aber nicht allzu scharf.

Gespaltene Persönlichkeit: Lili Epply als Vetter Shui Ta, in den sich Shen Te zuweilen verwandelt.
Gespaltene Persönlichkeit: Lili Epply als Vetter Shui Ta, in den sich Shen Te zuweilen verwandelt.
Gespaltene Persönlichkeit: Lili Epply als Vetter Shui Ta, in den sich Shen Te zuweilen verwandelt. – (c) Alexi Pelekanos

Nieselregen in Sezuans Hauptstadt – das bedeutet schlechte Geschäfte für den Wasserverkäufer Wang. Was für ein ungünstiger Moment auch für hohen Besuch. Wang erklärt dem Publikum, dass er auf drei Götter warte, die durch das Land ziehen, um das Gute zu finden. Haben sie keinen Erfolg, geht es der Region schlecht. Als ob es um Sezuan nicht ohnehin schlimm stünde. Und schon tauchen die göttlichen Richter durch eine Klappe an der Rampe der Bühne des Niederösterreichischen Landestheaters auf. Ein trostloses Viertel wurde da von Sascha Gross gebaut: Kleiderhaufen, alte Möbel, Pet-Flaschen. Planen überall, um Wasserschaden zu vermeiden. Eine davon wird bald zum Dach eines Tabakladens. Als Verkaufsfläche dient ein Brett, angeboten wird eine angebrochene Stange Zigaretten. Es scheint nicht nur Kleinhändlern schlecht zu gehen, sondern auch Arbeitern, arbeitslosen Piloten und Prostituierten.

 

Die sozialen Fragen bleiben offen

Eine kann Wang nach Fehlschlägen bei Bürgern davon überzeugen, die Götter aufzunehmen. Diese Shen Te wird für ihre Güte reich belohnt. Mit dem Geld der Gäste kauft sie sich einen Tabakladen. Von Verwandten, Bekannten und einem Liebhaber wird sie umgehend bedrängt: Hilfe! Sie muss als Alter Ego ihren Vetter Shui Ta erfinden, um nicht von den Egoismen der anderen zerrissen zu werden. Menschlichkeit und Erfolg sind schwer zu vereinbaren. Das ist ein Ende der Parabel, die uns Bertolt Brecht mit seinem Lehrstück von 1943 verdeutlicht. Im Sozialen bleiben meist alle Fragen offen.

Peter Wittenberg hat dieses Lehrstück in St. Pölten menschlich-ironisch und leicht apokalyptisch inszeniert, aber nicht allzu scharf, wie die Premiere am Samstag zeigte. Wasser in Plastikflaschen symbolisiert verschwendete Ressourcen, Dauerregen wohl den Klimawandel. Es fehlt in dieser zweieinhalbstündigen Aufführung (mit Pause) auch nicht ein Beigeschmack an Melancholie, der durch Bernhard Moshammers musikalische Begleitung gefördert wird. Er improvisiert zu den Szenen auf der E-Gitarre, manchmal gibt es Songs von Paul Dessau.

Eine schöne Gesamtleistung des Ensembles: Lili Epply rührt als helfend-hilflose Heldin (als Vetter fehlt ihr die Brutalität). Tim Breyvogel trifft den geschäftigen und referierenden Wang gut. Die übrigen toben sich in Mehrfachrollen aus. Tobias Artner, Bettina Kerl und Tobias Voigt beginnen als herrische Götter, die am Ende ratlos abtauchen. Zudem sind sie auch korrupte Beamte, aasige Geschäftsleute und ebenso rücksichtsloses Prekariat. Diese beinharte Gesellschaft wird durch Josephine Bloéb und Stefano Bernardin überzeugend ergänzt. Hier agieren lauter geschickte Verwandlungskünstler. Sie steigern sich besonders artistisch in einer Schlüsselszene: Shen Te ist pleite, der Laden ist weg. Wieder muss sie als Shui Ta aufräumen. Der zwingt all jene, die zuvor die Kleinunternehmerin schamlos ausgenützt haben, zur Arbeit in ihrer größeren Firma für Tabakerzeugung, die allerdings auf Schiebereien, Erpressung und Betrug gründet. Da wird mit Ballen hantiert wie auf dem Fließband, bis zur Erschöpfung. Das Publikum kann sich entscheiden: Endlich geht was weiter. Oder auch: Alles bleibt doch, wie es immer war.

Bis 15. 12. am Landestheater Niederösterreich, Gastspiele am 20. und 21. 11. an der Bühne Baden. Nächste Termine in St. Pölten: 20. und 29. 9., 31. 10., 19:30 Uhr.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.09.2018)

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