Auschwitz als Zentrum der Europäischen Union

Schauspielhaus. Lucia Bihler hat Robert Menasses „Die Hauptstadt“ dramatisiert. Starker Beginn, zerfasertes Ende.

Gruppenbild mit Dame: Sophia Löffler als EU-Karrieristin unter Beratern, Lobbyisten, Bürokraten.
Gruppenbild mit Dame: Sophia Löffler als EU-Karrieristin unter Beratern, Lobbyisten, Bürokraten.
Gruppenbild mit Dame: Sophia Löffler als EU-Karrieristin unter Beratern, Lobbyisten, Bürokraten. – (c) Matthias Heschl

Es ist ein tolldreister Text, ein reflexives Sittenbild Brüssels, dieser Metapher für die EU, phasenweise spannend wie ein Krimi, voller Ironie und mit ahnungsvoll morbidem Charakter. Auf 459 Seiten tummeln sich Bürokraten, Lobbyisten, Karrieristen der Europäischen Union; auch ein greiser KZ-Überlebender, ein kranker Kriminalkommissar und dann und wann ein rosa Schwein spielen eine Rolle. Robert Menasses Roman „Die Hauptstadt“ (2017) ist prallvoll, vielschichtig konstruiert, geschickt mit mehreren Handlungssträngen versehen. Beim Lesen bereitet er Vergnügen, er schafft auch Erkenntnis. Aber wie setzt man so viel Leben in zwei Stunden dramatisch um?

Lucia Bihler erarbeitete mit Tobias Schuster eine Bühnenfassung, die sie am Wiener Schauspielhaus erstaufführte. Entstanden ist Zwiespältiges, wie die Premiere am Mittwoch zeigte. Der Plot wurde vor allem anfangs einfallsreich und schwungvoll präsentiert, die Atmosphäre des Originals wurde selbst in der Verfremdung getroffen. Doch das Drama zerfaserte mit der Zeit. Ein Vorzug des Epischen besteht darin, dass sich für die Rezipienten die Vielfalt stimmig fügt. Der Theaterabend endete im Vergleich dazu platt. Schade! Das Ensemble hatte zuvor souverän gespielt, originelle Akzente gesetzt.

 

Eine Parallelaktion in Brüssel

Die Handlung erinnert an die Parallelaktion in Robert Musils „Der Mann ohne Eigenschaften“. Ein Jubiläum wird geplant, es soll das beschädigte Image der EU reparieren helfen. Die Spitzenbeamtin Fenia Xenopoulou muss aus 50 Jahren Kommission ein positives Ereignis machen. Sie reißt diesen Job auch deshalb an sich, weil sie sich profilieren und die ungeliebte Kulturabteilung verlassen, eine Führungsrolle in einer Direktion mit Geld und Einfluss haben will. Sophia Löffler verleiht der griechisch-zypriotischen Karrieristin ein beängstigendes Maß an Energie. Dieser Egomanin ist der einflussreiche deutsche Bürokrat Kai-Uwe Frigge im Machtspiel ebenbürtig. Steffen Link spielt diesen verbeamteten Zombie absurd, mit allerlei Verrenkungen. Wer benutzt hier wen? Wenn sich der Typ im glänzend-braunen Anzug und Xenopoulou in knallengem rosa Kostüm berechnend näherkommen, sieht das wie ein Angriff aus. Auch der Barmann (Bardo Böhlefeld), der das Geschehen erläutert, ist ein Untoter mit weißem Antlitz.

Die Intrigen der EU finden in einer Bar statt (Bühne/Kostüme: Josa Marx), mit grünen Wänden aus Steinimitat. Dort wird zu stimmiger Musik (Jacob Suske) manchmal in Zeitlupe agiert, abgehackt getanzt, geredet, als ob es eine technische Störung gäbe. Auf einem Screen sieht man hinten Lebensmittel (Subventionsgüter wie Milch oder Würstel, über die sich Maden hermachen).

 

Jenseits des Nationalismus

Menschlicher als dieses Trio agieren die anderen. Sebastian Schindegger gibt Professor Erhart aus Österreich, dem an der Verbesserung Europas liegt, Jesse Inman einen braven Beamten aus Prag. Simon Bauer spielt den Protagonisten: Martin Susman ist Xenopoulou unterstellt, er soll die Last der Planung tragen. Auf einer Reise nach Polen kommt ihm die Idee, dass beim 50. Jubiläum der Kommission letzte Überlebende von Auschwitz auftreten könnten. Dieser Ort der Vernichtung solle Hauptstadt der EU werden, fordert Erhart. An der Rampe häufen sich nun Plädoyers für das gute Europa, jenseits des Nationalismus. Der schlägt zurück. Da hat die Geschichte längst ihren Faden verloren. Dennoch: lang anhaltender Applaus.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.09.2018)

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