Ed. Hauswirth: "Wie kränkt man Journalisten?"

Regisseur Ed. Hauswirth vermisst in seinem neuen Theaterstück den Zustand von Land, Politik und Medien. Und dreht im Interview gern den Spieß um.

Umtriebig. Ed. Hauswirth inszeniert zum dritten Mal im TAG – und bringt seine Grazer Truppe mit.
Umtriebig. Ed. Hauswirth inszeniert zum dritten Mal im TAG – und bringt seine Grazer Truppe mit.
Umtriebig. Ed. Hauswirth inszeniert zum dritten Mal im TAG – und bringt seine Grazer Truppe mit. – (c) die Presse (Carolina Frank)

Geplant war ja ein Interview mit Ed. Hauswirth, dem Grazer Regisseur, der demnächst in Wien sein neues Stück zum Republiksjubiläum inszeniert. Ein kurzer Probenbesuch, Einblick in ein paar Szenen, Fragen zum Stück. Geworden ist es ein Sesselkreis. Die Schauspieler sitzen aufrecht auf ihren Holzsesseln, lächeln freundlich, schauen interessiert drein. Helles Licht fällt durch die Fenster, auf einem Tisch liegen Zettel und Karteikarten, alles wirkt ein bisschen chaotisch. Und Ed. Hauswirth sagt: „Ich hätte da noch ein paar Fragen an dich . . .“

Also doch eine Art Interview, wenn auch mit umgekehrter Rollenverteilung. Die Theatermacher fragen, die Redakteurin soll antworten. Wie lebt man vom Journalismus? Worauf sind Journalisten stolz, wie wichtig ist ihnen ihr Berufsethos? Laufen Diskussionen unter Kollegen anders ab, seit die türkis-blaue Regierung im Amt ist? Und: Mit welcher Beschimpfung kann man einen Journalisten am effektivsten kränken?

Es sind noch vier Wochen bis zur Premiere von „Der Untergang des österreichischen Imperiums oder Die gereizte Republik“, und der Besuch trifft sich gut – für Hauswirth und sein Ensemble: Denn auch sie haben einen Rechercheauftrag. Interviews sind im Methodenkoffer von Hauswirth ein erprobtes Mittel, um „an die Wirklichkeit heranzukommen“.

Sein Theater im Bahnhof (TiB), eine Innovationskraft und etablierte Institution im Grazer Kulturkosmos, die Künstler wie Michael Ostrowski und Pia Hierzegger hervorgebracht hat, versteht sich immerhin als zeitgenössisches Volkstheater. „Da muss man wissen: Wovon ist man Zeitgenosse?“ Um das zu ergründen, lädt Hauswirth seine Informanten mitunter zu Speeddating-Szenarios, macht Taxifahrer zu Protagonisten ihres eigenen Monologs am Steuer, lässt Menschen aus dem rechten und linken politischen Spektrum in einer Gameshow miteinander spielen, verführt sein Ensemble zu persönlichen Geständnissen und interviewt – nun eben Journalisten: Denn um sie geht es im neuen Stück, das das Theater an der Gumpendorfer Straße (TAG) und das TiB als Koproduktion herausbringen.

Hirngespinst. In einem Setting, das von Boccaccios „Decamerone“ inspiriert ist, verschanzen sich darin acht österreichische Intellektuelle nach mehr oder weniger realem Vorbild – gestürzte Mediendinosaurier, aktivistische Blogger, eifrige Aufklärer – in einer Villa am Semmering. Draußen nimmt die Welt ihren Lauf, drinnen geben die Figuren ihre Handys ab und imaginieren, von Twitter ganz abgeschnitten, politische Dystopien. Eine „intuitive Annäherung an die Frage, warum es der linksliberalen Gesellschaft nicht gelingt, autoritären Tendenzen etwas entgegenzuhalten“, umreißt Hauswirth sein Unterfangen. Oder, wie es eine der Figuren sagen könnte: „Warum kann ich nichts gegen den Rechtsruck tun, obwohl ich immer Klassenbester war?“

Die Stückentwicklung passierte auf Anregung des ehemaligen Kuturstadtrats, der die Wiener Theater zu Positionen zum 100-Jahr-Jubiläum der Republik ermutigte. Der anderswo übliche historische Blickwinkel passt aber nicht zu Hauswirth, der lieber den aktuellen Zustand des Landes vermisst: Von Autoritäts- und Vertrauenskrise, von Repräsentation und Gleichzeitigkeit in der modernen Demokratie und von Ideen, diese „progressiv zu erneuern“, spricht er, als der Sesselkreis schließlich aufgelöst und die Interviewsituation in ihre gewohnte Ordnung gebracht ist. Theater ist für ihn eine Form der Reflexion, eine aktivistische Rolle hätte er dabei manchmal gern – „das hat so eine Kraft und Sexyness“ –, wenn er auch einräumt, „dass das Theater nicht so viel kann, wie es gern glaubt, dass es könnte“. Hauswirth ist 1965 im steirischen Mooskirchen geboren. „Ich bin ein Kind der 60er, bin in einem linkskatholischen Milieu aufgewachsen. Hinter allem, was wir machen, steht auch die Frage: Zu was sind wir als Künstler in der Lage?“

Die Bühne entdeckte er zufällig für sich, als er mit 14 an einem „falschen“ Mittwoch mit dem Zwanzig-Schilling-Schein vom Papa ausrückte – und statt in der Pfarrdisco in der Probe einer Theatergruppe landete, die ihn prompt aufnahm. „Das war ein Lehrlingstheater, ich war Gymnasiast. Für mich war das ein guter Realitätsklescher. Die waren alle ein bissl älter, ein bissl rauer, erwachsener. Das hat mir gutgetan.“

Ende der 1980er-Jahre gründete er dann das TiB, heute rückt er für Koproduktionen oder auch eigene Projekte ins ganze Land aus. Mit dem TAG arbeitet er bereits zum dritten Mal zusammen, der erste gemeinsame Streich, die raffinierte Salonkomödie „Der diskrete Charme der smarten Menschen“, brachte ihm einen Nestroy-Preis ein. Eine schöne Anerkennung für die Entbehrungen des Jobs: „Theater frisst Energie und Lebenszeit.“ Reich werde man damit nicht, dafür müsse man viel reisen. Und kurz vor einer Premiere werde es immer eng. Wobei „unfertig“ eine Frage der künstlerischen Ästhetik sei: „Ein Kunstwerk sollte immer eine gewisse Offenheit haben, es sollte leben, durchlässig sein.“ In der erwähnten TAG-Produktion gab es eine Szene, in der die Schauspielerin Julia Schranz virtuos über einen Ulrich-Seidl-Film auszuckte, tobte, spuckte. „Den Monolog hat sie verantwortet, der war nur richtig, wenn er offen war.“ Der Wutanfall sei jeden Abend ein bisschen anders ausgefallen – so habe er wohl auch die über 70 Aufführungen vital überlebt. „Natürlich birgt mehr Offenheit mehr Chancen, etwas zu versemmeln. Aber zu einer gewissen Unfertigkeit bekenne ich mich.“ Über die Vorschläge zur Journalistenbeschimpfung war Hauswirth übrigens amüsiert. Bleibt nur zu hoffen, dass er in seinem Stück nicht zu viele ausplaudert.

Tipp

„Der Untergang des österreichischen Imperiums“. Von Ed. Hauswirth und dem Ensemble. Premiere am 15. 11. im Theater an der Gumpendorfer Straße. dastag.at

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