Intimes Endspiel für Journalisten

Uraufführung im TAG. Ed. Hauswirth betrachtet die aktuelle Politik und Medienlandschaft kritisch besorgt: „Der Untergang des österreichischen Imperiums“ gerät aber fast zu harmlos.

Beim Einlass des Publikums zur Premiere am Samstag im Theater an der Gumpendorfer Straße war die Party auf der Bühne bereits in vollem Gang. Laute Musik, acht Menschen, offenbar in bester Laune, machen ein lustiges Gesellschaftsspiel: In einem Holzstumpf steckt ein langer Nagel. Den treiben reihum vier Männer und vier Frauen mit einem Hammer weiter hinein. Wer verfehlt, muss ein Kleidungsstück ablegen. Die meisten sind inzwischen schon halb-, einer ist bald völlig nackt.

Was verbindet diese Gruppe, die sich in dem brandneuen Stück „Der Untergang des österreichischen Imperiums oder Die gereizte Republik“ in einer Villa am Semmering zusammenfindet? Sie wollen fern vom Lärm der Aktualität ausspannen. Das hat bei ihnen jahrelange Tradition, man kennt sich aus diversen Medien, hat miteinander gearbeitet, hat sich ausgenützt bis weit über die Schmerzgrenze. Linde zum Beispiel (Monika Klengel als überzeugende Ex-Chefredakteurin, die noch immer glaubt, Biss zu haben) scheiterte mit einem Magazin spektakulär und riss gleich mehrere KollegInnen, die sie fürs Projekt angeworben hatte, egoistisch mit. Die sind jetzt „freie“ Journalisten.


Der einstige Praktikant hat die Macht

Markus hingegen (Raphael Nicholas herrlich als flexibler Kerl der Generation Slimfit), der einst bei Linde Praktikant war, ist auf dem Weg nach weit oben. Eben erst wurde er Geschäftsführer und Chefredakteur eines neuen Imperiums auf dem Boulevard, er organisiert offenbar einen Krawallsender. Das gibt diesem Junior die Gelegenheit, bei der kleinen Auszeit auf dem Lande die Älteren durch Job-Angebote und Nicht-Angebote zu demütigen. Denn die Gruppe glaubt, Prinzipien zu haben. Womit wohl gemeint ist, fesch linksliberal zu sein und gegen den rechten Trend in Österreich anzukämpfen. Was aber tun, wenn man Fehlspekulationen gemacht hat und das Leben zu bestreiten ist? Weiter mit Blogs und Büchern um jeden Cent kämpfen? Für Sprengstoff ist gesorgt, denn nicht nur die Beschäftigungslage ist prekär, sondern auch die persönlichen Beziehungen sind äußerst angespannt.

Die acht Akteure durchleben ein Wechselbad in diesem von Ed. Hauswirth inszenierten, mit dem Ensemble geschriebenen Stück – eine Koproduktion des TAG mit dem Theater im Bahnhof Graz. Die Bühne wurde von Johanna Hierzegger sparsam gestaltet, Außenszenen sieht man hoch oben auf zwei Screens: Die Frauen joggen, die Männer kochen. Flirts, Streit, Singen, Prügel, pointiertes Jammern über den neuen Faschismus und die Misere im Journalismus bestimmen den ca. zwei Stunden langen Diskurs. Er verläuft recht beliebig. Dieses Lehrstück wirkt im Reality-Check fast zu harmlos. Manch eine Szene kippt ins Surreale, etwa die: Kanzler Kurz im monotonen Background-Singsang, während alle gequält nach Halt suchen. Die Darsteller machen ihre Sache aber gut, ob nun Lisa Schrammel als hoffnungsvolle Junge, Juliette Eröd in frischem Trennungsschmerz oder Jens Claßen und Georg Schubert als verbrauchte Typen. Sie wissen längst: „Die Zeit der Utopien ist vorbei.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.11.2018)

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