Wer hat Angst vor der Vagina?

Kino. Die Dokumentation „#Female Pleasure“ von Barbara Miller porträtiert fünf Frauen, die auf unterschiedliche Weise gegen Gewalt und Diskriminierung des weiblichen Körpers eintreten. Ein erschütternder und doch hoffnungsvoller Film.

Die japanische Mangazeichnerin Rokudenashiko bemalt den Gipsabdruck ihrer eigenen Vagina. Die junge Frau mit dem rotbraunen Pagenkopf und dem Band mit Schleife im Haar klebt kleine Figuren auf das handtellergroße Stück, diesmal stellt sie die Räumarbeiten nach der Atomkatastrophe in Fukushima nach. Zwei Männer in weißen Schutzanzügen und mit Schlauch in der Hand stehen am Reaktor-Gelände. „In Japan ist die Vagina eine Provokation, ich kombiniere also zwei Tabus: Fukushima und die Vagina.“

Seit Rokudenashiko Kunstwerke wie diese macht, hat sie viel über ihr Land gelernt und persönlich einiges ausgehalten. Dem männlichen Geschlecht wird zwar jedes Jahr beim „Fest des stählernen Penis“ gehuldigt, bei dem Männer wie Frauen aller Altersgruppen an Eis oder Lollis in Phallusform lutschen, als wäre es das Normalste der Welt, aber es gilt als obszön, außerhalb von Sexshops oder Bordellen eine Vagina abzubilden. Rokudenashiko hat mit Crowdfunding-Unterstützung auch ein kleines Kanu nach dem Umriss ihrer Vagina gebaut. Das war den Behörden zu viel, sie wurde verhaftet. Zu zehnt stürmte die Polizei ihre Wohnung und nahm sie mit, als wäre sie eine Verbrecherin. Nach einer Woche wurde sie freigelassen, aber kurz darauf wegen des Vergehens der „3-D-Unzüchtigkeit“ erneut verhaftet.

 

„Es ist sexuelle Gewalt gegen Kinder“

Die Japanerin ist eine von fünf Protagonistinnen in der Dokumentation „#Female Pleasure“ der Schweizer Regisseurin Barbara Miller, die seit Freitag auch in Österreich in den Kinos zu sehen ist. Der Film porträtiert fünf Frauen aus fünf Ländern mit unterschiedlichem religiösem Hintergrund, die auf ihre Weise gegen Gewalt und Diskriminierung des weiblichen Körpers eintreten. Leyla Hussein, an der als Mädchen in Somalia Genitalverstümmelung vorgenommen wurde, macht heute in ihrer Heimat London Aufklärungsarbeit über die immer noch in so vielen Ländern gängige Praxis. Mit Vorträgen und Filmen und mit einem überdimensionalen Modell einer Vagina aus Plastilin, an der sie die gebräuchlichen Arten von Genitalverstümmelung zeigt und dabei erinnert: „Nennen wir die Dinge beim Namen: Vergewaltigung in der Ehe ist Vergewaltigung. Häusliche Gewalt ist nie häuslich, es ist Gewalt. Und Genitalverstümmelung ist sexuelle Gewalt gegen Kinder.“

Die Deutsche Doris Wagner ging als junge Frau als Nonne nach Rom und wurde von einem Pater mehrfach missbraucht. Sie vertraute sich ihrer Oberin an, doch die schrie sie zunächst an, nahm sie später in den Arm und sagte, sie vergebe ihr. Der Pater ist noch immer als Priester tätig. Wagner stieg aus der Kirche aus und lebt heute mit Mann und Sohn in Deutschland. Sie schildert sehr eindringlich, wie persönlichkeitseinschränkend sie die Arbeit in der katholischen Kirche empfand und wie sehr es dort darum ging, als Frau die weiblichen Attribute hinter langen Unterkleidern und Kopftüchern zu verstecken. Als sie ins Kloster kam, sagte ihr eine Oberin damals: „,Das tragen wir für unsere Mitbrüder.‘ Mehr hat sie gar nicht gesagt, aber ich habe verstanden.“

Barbara Millers Film ist bedrückend, weil er zeigt, dass bei all dem Fortschritt in der Gleichberechtigung von Mann und Frau in westlichen Kulturen, trotz all der Debatten über Feminismus, die Realität in vielen Ländern der Welt eine andere ist. Gewalt gegen Frauen und Mädchen gilt in vielen Ländern als normal und akzeptiert. In Indien können lokale Politiker öffentlich sagen, eine Vergewaltigung sei schon okay, Männer seien nun einmal so, für ihren Trieb könne man sie nicht bestrafen. Dass auch Frauen Lust empfinden können (daher der Titel „#Female Pleasure“), ist in vielen Kulturkreisen unvorstellbar. Männer und männlich geprägte Gesellschaften haben Angst vor der Vagina.

Die Doku liefert ein paar schwer erträgliche Szenen, die das globale Problem der Frauendiskriminierung offenbaren. Trotzdem ist „#Female Pleasure“ hoffnungsvoll geworden, dank der starken Frauen und ihrer Arbeit, bei der übrigens auch Männer mithelfen. Ein Anfang ist also gemacht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.11.2018)

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