Camilla Nylund und das Lied: Die Sonne im Wohnzimmer

Für die intime Gattung strahlt eine Wagner-Stimme beinah zu hell.

Opernstars müssen sich stets den Vorwurf gefallen lassen, ihre Stimmen seien für Liederabende zu riesenhaft, zu wenig beweglich. Auch bei Camilla Nylund gewann man im Brahmssaal des Musikvereins zunächst wieder diesen Eindruck. Dass Johannes Brahms einst als Antipode Wagners empfunden wurde, erfuhr da eine charmante Rechtfertigung.

Die Nylund, strahlend sicher bei Anforderungen von Bayreuther Dimensionen, wirkte beinah ein wenig scheu, immer vorsichtig ihren wunderbaren Klavierpartner Helmut Deutsch im Augenwinkel, ob sie denn da nicht gerade zu viel Stimme für die introvertiert-melancholischen Botschaften verströmte. Gewiss, die eine oder andere Passage ließe sich zurückhaltender, mit mehr pastellig-feinem Ton als mit kräftigem Farbauftrag gestalten – doch erschloss sich die Geschichte von Schumanns „Frauenliebe und -leben“ anrührend, auch weil Deutsch sich in keinem Moment vom Bühnentemperament der Diva zu großen symphonischen Gesten hinreißen ließ.

Er versteht seine Romantiker, wie er auch für Richard Strauss die ideale Mischung aus Virtuosität und sängerfreundlichem Kuschelpolsterklang findet: Da bettet sich die Stimme der Nylund dann drein, als ginge es um Arabella oder Ariadne. Und das beglückte das Publikum spürbar. Vollends die finnischen Raritäten – Gesänge von Tolvo Kuula und Armas Järnefelt, zuletzt dann doch auch von Jean Sibelius: Musik hoch aufrauschender Natursymbolik und dramatischer Gefühlsentladung; Gelegenheit für Sopran-Höhenflüge in der Bedeutung des Wortes. (sin)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.11.2018)

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