Sie komponierte als Selbsttherapie

Singer/Songwriter. Die amerikanische Liedermacherin Holly Miranda ist einer der Stars des Blue Bird Festivals. Von 22. bis 24.11. gastieren hochkarätige Geheimtipps im Porgy & Bess.

Ein junges Mädchen schleicht mit einem riesigen, blauen Sichelmond am Rücken durch ein Kornfeld. Ganz schön kryptisch sieht dieses als „Insomnia“ betitelte Bild des Künstlers David Hochbaum aus. Welches Geheimnis es birgt, das kann auch die 36-jährige Singer/Songwriterin Holly Miranda nicht sagen. Sie wählte das Bild zum Cover ihres fünften Albums „Mutual Horse“. Zusammen mit diesem Titel reißt es eine ziemliche Text-Bild-Schere auf. Das gefällt Miranda. Ihre Kunst soll nicht vollständig auszuleuchten sein. Das Nichtwissenwollen hängt vielleicht mit ihrer streng christlich geprägten Kindheit zusammen. Damals lauschte sie gerne Faye Bakker, einer singenden Evangelistin der Pfingstgemeinde. Manchmal erhaschte sie einen Motown-Song im Radio.

Der Moment ihres künstlerischen Erwachsens kam, als ein Lied von Ani di Franco ihr Ohr erreichte. „Mir brannte immer ein Gefühl von Außenseitertum in der Magengegend. Als ich das Lied von Ani di Franco hörte, wusste ich, dass ich aus mir herausgehen will. Dass es überhaupt so etwas wie Singer/Songwriter gibt, war neu und sehr faszinierend für mich. Als eine Art Selbsttherapie begann ich zu komponieren.“ Mit 16 Jahren ging sie allein nach New York. „Das war ganz schön beängstigend. Ohne Freunde, ohne Bekannte in dieser großen Stadt zu sein. Aber ich wollte ja lernen.“ Das tat sie zum Preis manchen Irrtums. Mit 17 unterschrieb sie einen schlechten Vertrag bei einem großen Label. „Das Album, das ich damals aufgenommen habe, ist immer noch irgendwo in New Jersey in einem Safe versperrt. Irgendwie war die Mafia mit diesem Label verbandelt. Es hieß, dass ich kein Chance mehr in der Musikindustrie haben werde. Sie haben mich sogar mit dem Tod bedroht.“ Miranda bewies Beharrungskraft. Sie ging nach Westchester und nahm mit eigenem, recht ärmlichem Equipment ein Album auf. „Das klang wirklich horribel. Aber ich ließ mich nicht einschüchtern. Ich machte weiter und irgendwann wurden meine Songs besser.“


Sammlung manisch-depressiver Lieder

2010 feierte sie ihren Durchbruch mit dem Album „The Magician's Private Library“. Auf dem Cover ist übrigens dasselbe Mädchen zu sehen, wie auf ihrem aktuellen Opus. Damals arbeitete sie schon mit David Sitek und TV On The Radio. Das tat sie für das neue Album auch wieder. „Mutual Horse“ besteht aus wunderbar üppig arrangierten Liedern. „Exquisite“, ein Duett mit TV-On-The-Radio-Sänger Kyp Malone, und das sehnsuchtsvolle „All The Way“ sind Highlights dieser Sammlung manisch-depressiver Lieder.

Zu dieser Stimmung beigetragen hat, dass Mirandas Mutter im Sterben lag. Mit dem Track „Gina“ blickt die Künstlerin noch einmal zurück in ihre behütete Kindheit. „Diese Kassette fand ich zufällig und war wie gebannt. Durch ihre Krankheit hat meine Mutter die Stimme verloren, hier konnte ich sie mit uns im Auto singen hören. Das wollte ich unbedingt aufs Album nehmen.“ Nicht auf „Mutual Horse“ enthalten sind zwei markante Coverversionen, die Miranda für politaktivistische Zwecke vorher veröffentlicht hat. „Midnight Oil“, eine sich unwiderstehlich ins Herz schleichende Ballade aus dem Jahr 1978, die aus der Feder der indigenen US-Songwriterin und LGBT-Aktivistin Cris Williamson stammt, sowie Leonard-Cohen-Klassiker „I'm Your Man“. Ihn hat Miranda für die Serie Instant Love aufgenommen, wo Sängerinnen berühmte Liebeslieder von Männern mit femininer Kraft aufladen. Die musikalische Lieblingsdekade der 1982 Geborenen sind die Siebzigerjahre. „Dort würde ich mich wohl auf ewig aufhalten wollen. Mit Joni Mitchell und Crosby, Stills, Nash & Young abzuhängen stelle ich mir großartig vor.“ An der Gegenwart stört sie nicht zuletzt die Shuffle-Funktion bei digitalen Musikabspielgeräten. „Ich gebe mir wahnsinnige Mühe, die richtige Reihenfolge der Lieder auszutüfteln und dann hebelt mich so eine Funktion aus. Grässlich. Ich sollte mal ein Album aufnehmen, das nur aus einer einzigen, langen Nummer besteht . . .“

Blue Bird Festival: 22. bis 24.11.18 im Porgy & Bess

Donnerstag: Dan Mangan, Laura Gibson, Holly Miranda

Freitag: Molly Burch, Raoul Vignal, Roo Panes

Samstag: Mark Kozelek, River Whyless (songwriting.at)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.11.2018)

Die Presse - Testabo

Testen Sie jetzt „Die Presse“ und „Die Presse am Sonntag“ sowie das „Presse“-ePaper und sämtliche digitale premium‑Inhalte 3 Wochen kostenlos und unverbindlich.

Jetzt 3 Wochen testen
Meistgekauft
    Meistgelesen
      Kommentar zu Artikel:

      Sie komponierte als Selbsttherapie

      Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
      Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.