Dornröschen verschläft die Pubertät

Wien modern. „Gestochen und weg“ im Dschungel Wien will die Verwirrung von Teenagern zeigen. Und verwirrt.

Ist es ein Geschenk, wenn man 100 Jahre schlafen darf wie Dornröschen? Vor allem just dann, wenn man sich im Leben gerade gar nicht mehr auskennt . . . Dieser Frage geht man im Stück „Gestochen und weg“ nach, das nun im Rahmen von Wien modern im Dschungel Wien uraufgeführt wurde, nach einem Konzept und komponiert von Elisabeth Schimana, produziert von Netzzeit.

Auf einem rosa Flauschi-Teppich zwischen zwei mit durchscheinenden Stoffbahnen verhängten Podien sitzend, hört das Publikum zuerst den Urtext. Dann soll der Monolog eines Erzählers, bestehend aus assoziativen Schlaglichtern, der Frage nachgehen, was sich Dornröschen erspart, wenn sie genau dann einschläft, als sie in die Pubertät kommt. In Ann Cottens Monolog, den Christian Reiner barfuß und im schwarzen Anzug rezitiert, geht es um die Angst davor, ungewollt schwanger zu werden, das Unverständnis darüber, warum man jeden Monat bluten soll, aber auch um eine belastete Umwelt, um die Ohnmacht dem Krieg gegenüber.

Die Verwirrung, die manche in diesem Alter (Zielgruppe des Stücks ist 14 plus) empfinden, wird hier nicht nur im Monolog selbst offenbar. Ein hochkomplexer, bruchstückhafter Text wird rezitiert, die Musikerinnen von Airbone extended bringen dazu irrlichtergleiche Klänge auf alten Instrumenten hervor – wie Virginal, Spinettino und Paetzold, aber auch Harfe und Flöten.

Mal klingt die Querflöte wie ein fahrender Zug, mal wird die Harfe grob gezupft oder mit einem Besen gespielt. In die Flöte wird ruckartig hineingepustet, eine Folie wird auf der Harfe wischend bewegt. Monoton im Hintergrund evozieren digitale Nadelstiche Assoziationen zur Ursprungsgeschichte. Auch der Erzähler verfällt ab und zu in ein Zischen und Zucken. Mal werfen ihm die Musiker Laute und geflüsterte Worte zu, dann wieder durchbricht er selbst den langen Monolog mit einem grellen, hohen, anschwellenden Ton.

 

Sogar die Musiker schlafen hier ein

Mit einem Mal: Stille, die einer Waffenruhe gleicht. Der hundertjährige Schlaf beginnt, bei dem sich alle Musikerinnen hinlegen und der Erzähler eine Virtual-Reality-Brille aufsetzt. Auf die Stoffbahnen vor den Podien werden durch seine Kopfbewegungen gesteuerte Bilder projiziert. Farbwogen fließen ineinander, ab und zu erscheint ein Tukan.

Markus Wintersberger, der die Projektionen kreiert hat, lässt kaum einen Anhaltspunkt zu. Da auch die Musikerinnen in den hundertjährigen Schlaf verfallen sind, kommt der Klangteppich nun vom Band: Gezirpe und Gezwitscher, das sich mit Maschinengeräuschen samt Dröhnen und Klappern wie von einem Webstuhl mischt.

Die Rückkehr in die wache Welt – laut Cottens Text begleitet von Holzwürmern, die ihre bausubstanzgefährdende Arbeit wieder aufnehmen, und Fischen, die weiter verwesen, ja sogar von blutenden Rosenhecken – lässt den Erzähler sagen: „Ich kenne mich nicht aus, ich kann mich nicht wehren.“ So wird es, wie zu befürchten ist, auch einigen Jugendlichen gehen, die dieses hochkomplexe Musiktheater im Dschungel sehen – einfach zu konsumieren ist anders. Ein gewisser Coolness-Faktor ist diesem Projekt jedoch keinesfalls abzusprechen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.11.2018)

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