Burgtheater

Die bösen britischen Weihnachten ziehen sich

Kritik Alan Ayckbourns bewährtes Lustspiel "Schöne Bescherungen" wird von Barbara Frey allzu brav inszeniert. Das Ensemble - viele in ihm sind als präzise Pointensetzer berühmt - bleibt diesmal doch unter seinen Möglichkeiten.

Eine etwas langatmig inszenierte Farce im Burgtheater: Fabian Krüger als Clive,  Nicholas Ofczarek als Neville und Maria Happel als Phyllis.
Eine etwas langatmig inszenierte Farce im Burgtheater: Fabian Krüger als Clive,  Nicholas Ofczarek als Neville und Maria Happel als Phyllis.
Eine etwas langatmig inszenierte Farce im Burgtheater: Fabian Krüger als Clive, Nicholas Ofczarek als Neville und Maria Happel als Phyllis. – (c) APA/GEORG HOCHMUTH

Das Burgtheater hat ein großes Ensemble, das besonders in schwarzen Komödien in Hochform kommen kann. Warum also nicht wieder einmal „Schöne Bescherungen“ aufführen? Im Advent strebt der Stresstest aller denkbaren Beziehungskisten nämlich dem Höhepunkt zu, die Selbstmordraten schnellen rauf. Das ist optimal für dieses Stück Alan Ayckbourns, eines Großmeisters der Hinterfotzigkeit, der in gut 70 Stücken bewiesen hat, dass er die Schwächen modernen Lebens genau kennt.

Seit der Uraufführung an seinem Library Theatre in Scarborough 1980 ist „Season's Greetings“ weltweit ein Dauerbrenner. Am Samstag blieb die Premiere in Wien allerdings in der Inszenierung von Barbara Frey unter ihren Möglichkeiten. Die Intendantin des Schauspielhauses Zürich demonstriert die Präzision von Uhrmacherkunst, zugleich aber deren enervierende Bedächtigkeit.

Schade! Denn welcher Mensch mit Anhang würde sich nicht wenigstens zum Teil in dieser lieben Familie wiedererkennen, die vor allem eines gelernt hat: die Kunst der Verdrängung. Wir sind Zeugen eines wie beiläufig völlig aus den Fugen geratenen Weihnachtsfests, das am Heiligen Abend beginnt und im Morgengrauen nach Stefani (dem britischen Boxing Day, der Geschenke bringt) mit einem Tötungsversuch ausklingt.

 

Wem gebührt das Hirschgeweih?

Was für ein Sozialexperiment: Hausherr Neville (Nicholas Ofczarek) sowie sein blasser Kumpel Eddie (Tino Hillebrand) kümmern sich nicht um ihre Ehefrauen, Belinda (Katharina Lorenz) und die schwangere Pattie (Marie-Luise Stockinger), sondern um eine Fernbedienung, die Licht- und Soundeffekte des Christbaums steuern soll. Dabei wäre noch so viel zu erledigen. Arme Belinda! Sie fühlt sich alleingelassen. Auch Nevilles militanter Onkel Harvey (Falk Rockstroh) hat nichts Besseres zu tun, als Actionfilme im TV anzusehen und zu kommentieren, während Nevilles bereits alkoholisierte Schwester Phyllis (Maria Happel) versucht, einen Lammbraten zuzubereiten. Immer wieder eilt ihr Ehemann Bernard (Michael Maertens) ins Off in die Küche, um den Schaden zu begrenzen. Das Chaos wird komplettiert, als schließlich noch Belindas wirre Schwester Rachel (Dörte Lyssewski) und verspätet ihr angeblich neuer Freund Clive (Fabian Krüger) dazustoßen. Zwischen dem Schriftsteller und der Gastgeberin knistert es sofort. Man ahnt es schon: Die Frauen werden für diese Halbberühmtheit schmachten. Offen ist nur noch, welche dann mit Clive unter dem Christbaum liegen wird, während die übrigen Männer besoffen weggedöst sind.

Solch eine Farce braucht vor allem eines: Tempo! Doch das wird nicht gegeben. Zu viele Gags werden verschleppt. Vielleicht liegt es auch an den langen Wegen. Bettina Meyer hat mit ihrem Bühnenbild die Größe des Burgtheaters voll ausgereizt. Rechts der Eingang, daneben der Durchgang zur Küche, nach hinten das Esszimmer. Links gibt es ein kleines Wohnzimmer, in dem Rockstroh mit minimalem Einsatz das Kabinettstück eines verrohten, fernsehenden Onkels gibt. In der Diele in der Mitte finden die wesentlichen Begegnungen statt. Sie wird dominiert von einem Weihnachtsbaum, der so mächtig ist, dass er seine Spitze traurig neigen muss. Links von ihm führt eine Treppe ins Obergeschoß. Der Gang zu den Zimmern oben ist offen. Ein raffinierter Einfall: Man kann beobachten, wie die nach oben Abgehenden auf das Geschehen unten reagieren. Und darüber thront symbolisch ein Hirschgeweih. Wem wird das aufgesetzt? Und wer will das wissen? Neville sicher nicht. Er verhält sich am Ende, melancholisch neben seiner Frau sitzend, so, als ob er singen wollte: „Glücklich ist, wer vergisst . . .“

 

Gnade! „Die drei kleinen Schweinchen“

In dieser ausgefeilten, wuchtigen Innenarchitektur spielen sich all die großen und kleinen Dramen innerhalb von drei Nächten und zwei Tagen ab. Sie ziehen sich manchmal in den fast drei Stunden wie erkalteter Fonduekäse, vor allem bei den versuchten Verführungen. Zum Glück gibt es auch eine Fülle von Szenen, in denen sich die Schauspieler auf komödiantischen Instinkt verlassen. Rockstroh, Lyssewski und Happel sind eben traumhaft sicher im Setzen von Pointen, im Zurschaustellen von Marotten. Krüger hat den Dichter von der traurigen Gestalt richtig gut drauf, vor allem, wenn er zum Weihnachtsmann mutiert. Und natürlich fasziniert Ofczarek, allein wenn er zielsicher mit metallener Stimme aufdreht. Besonders gut ist er diesmal aber in den stillen Momenten als Mann, der in sein Hobby flieht. Er bastelt, als wünsche er sich weit weg.

Das Tollste bietet Maertens: Er stellt hier nicht nur Englands schlechtesten Arzt dar, sondern auch den besten Ehemann und zudem einen gnadenlosen Marionettenspieler, der jede Postdramatik übertrifft. Wenn Bernard „Die drei kleinen Schweinchen“ ankündigt, erstarren die anderen oder stöhnen leise auf. Maertens spielt das Spiel im Spiel – fast sind wir wieder versöhnt. Besser kann man schlechtes Puppentheater nicht machen. Verzweifelter kann man beim Abgang auch nicht ausdrücken: Es geht weiter.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.12.2018)

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