"Kassandra": Die Verzweifelten

Kevin Rittbergers "Kassandra", ein mit Abstrichen sehenswerter künstlerischer Themenabend.

Kassandra Verzweifelten
Kassandra Verzweifelten
Schauspielhaus – (c) Clemens Fabry

Die Verpflanzung antiker Mythen in die Gegenwart ist ein Rezept, das heutige Dramatiker gern anwenden, so oft, dass es teilweise inflationär geworden ist. „Kassandra oder die Welt als Ende der Vorstellung“ – der Untertitel ist eine Verballhornung bzw. Variation von Schopenhauer – schrieb der deutsche Autor Kevin Rittberger, Jg. 1977, Felicitas Brucker, Jg. 1974, inszenierte die Uraufführung im Wiener Schauspielhaus.

Kassandra ist die Tochter des geschlagenen Trojaner-Königs Priamos, die den Untergang ihrer Stadt voraussah, der aber keiner glaubte. Die berühmteste moderne Version der „Kassandra“ ist jene von Christa Wolf, die sich in ihrem 1983 erschienenen Buch u.a. mit den patriarchalischen Machtverhältnissen der DDR auseinander setzte.

Rittbergers Stück besteht grob gesprochen aus drei Teilen. Im ersten wird die Geschichte von Flüchtlingen aus Afrika erzählt, die unter grauenvollen Mühen immer wieder versuchen, nach Europa zu kommen. Im zweiten Teil wird die Aufarbeitung dieses Phänomens durch die Medien behandelt, im dritten wird resümiert, was die Flucht wie deren mediale Begleitung gebracht haben. Das Ergebnis ist erschütternd: nichts. Auf die Frage, ob er den beschwerlichen Weg durch die Wüste und über das Meer noch einmal wagen würde, nun, da er weiß, dass in Barcelona oder Malaga Illegalität, aggressive Ordnungskräfte und Arbeitslosigkeit seiner warten, weiß der Flüchtling keine Antwort. Die Situation ist letztlich ähnlich wie in seiner alten Heimat.

 

Immer wieder großartig: Das Ensemble

Obwohl die Fakten bekannt sind, ist die ca. zwei Stunden ohne Pause dauernde Aufführung über weite Strecken sehenswert. Wobei die Idee, statt Schwarzer Weiße mit geschwärzten Gesichtern auftreten zu lassen, zwiespältige Effekte erzeugt. Einerseits sind Schwarze authentischer, wie sich am Schluss zeigt, wenn ein echter Schwarzer auf einem Video auftaucht, andererseits sind die weißen Akteure wie üblich sehr gut: Vincent Glander, Nicola Kirsch, Bettina Kerl, Katja Jung, Steffen Höld, Max Mayer bewältigen den zwischen Doku und Dichtkunst wechselnden Text bravourös. Vor allem Kirsch hat als Mutter, die ihren toten Kindern ins Meer folgt, starke Momente. Jung brilliert als Journalistin, die mit Kamera auf das Boot und mit verrecken will, um eine letztlich getürkte Authentizität zu erzeugen. Die Flüchtlinge warnen die weiße Frau nobel, ihre Gesundheit könnte Schaden nehmen.

Der Autor hat gute Ideen – und sich gründlich mit dem Stoff befasst. Trotzdem wirkt die Aufführung auch geschwätzig. Vermutlich liegt das an der aalglatten Kunstfertigkeit, die Brucker und Rittberger verbindet: Zu gscheit fürs Theater. Die fundamentale Aura antiker Texte, das Klassische, Überzeitliche scheint dem Aktuellen geopfert. Immerhin: Ein nachdenklich stimmender künstlerischer Themenabend. bp

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.04.2010)

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