Akademietheater: Horváth, verloren im Möbellager

Im Akademietheater hat Stefan Bachmann "Geschichten aus dem Wiener Wald" viel zu brav inszeniert. Es fehlt die Treffsicherheit, nur vereinzelt gibt es Glanzpunkte der Stars. Die Interpretation wirkt ausgebrannt.

Horvth verloren Moebellager
Horvth verloren Moebellager
Nicholas Ofczarek und Birgit Minichmayr – (c) APA/GEORG HOCHMUTH (GEORG HOCHMUTH)

Wenn auf der Bühne etwas schiefgeht, sind erklärende Worte des Direktors gefragt. Am Freitag, nach der Premiere von Ödön von Horváths „Geschichten aus dem Wiener Wald“, unterbrach Matthias Hartmann den Applaus für das Ensemble und teilte mit, dass Regisseur Stefan Bachmann leider erkrankt sei. Deshalb habe Sven-Eric Bechtolf (der designierte Theaterdirektor der Salzburger Festspiele) zum Schluss die Proben übernommen. So nahm keiner der beiden Regisseure die mäßigen Ovationen entgegen. Hinter den Kulissen konnte man hören, dass es Zerwürfnisse zwischen Bachmann und den Schauspielern gegeben habe, der Schweizer Jungstar habe die Regie wenige Tage vor der Aufführung entnervt hingeschmissen.

Ganz abgesehen von dem bösen, vielleicht übertriebenen Gerede: Es ist gründlich etwas schiefgegangen bei dieser letzten großen Premiere in der ersten Saison des Burgtheater-Leiters Hartmann. Trotz des Starensembles bleibt Bachmanns Arbeit brav, trotz einzelner Glanzpunkte ist sie insgesamt uninspiriert, ja in einigen Fällen kann man sogar von hochklassigen Fehlbesetzungen sprechen. Diese Geschichten, in denen die Abgründe kleiner Seelen ausgelotet werden, lassen hier eigenartig unberührt. Das ist Scheitern auf Durchschnittsniveau. Ausgebrannt wirkt die Interpretation.

Furnierte Kunstwelt. Aber beginnen wir beim Elementaren. Allein die Bühne ist eine Zumutung für die Schauspieler. Hugo Gretler hat sie mit hässlichen Schränken, Kommoden und Tischchen vollgeräumt. Ein hellbraunes, miefiges Möbellager ersetzt Häuschen und Burgruine in der Wachau, die stille Gasse in der Josefstadt, die Donauauen. In diesen Nussbaumschluchten, in einer furnierten Kunstwelt spielt sich die Tragödie der Bürgerstochter Marianne (Birgit Minichmayr) ab, die den Fleischhauer Oskar (Johannes Krisch) heiraten soll, aber just bei der Verlobungsfeier im Grünen an den Strizzi Alfred (Nicholas Ofczarek) gerät. So beginnt ihr aufhaltsamer, mutwillig forcierter Abstieg.

Marianne kriegt ein uneheliches Kind, wird verstoßen, taucht in die Halbwelt ab. Schließlich nimmt man ihr sogar das Baby. Die Großmutter des Strizzis (Bibiana Zeller) setzt den kleinen Leopold der Zugluft aus, ermordet ihn so mit tödlicher Kälte. Und auf Marianne wartet der in seiner brutalen Liebe unbarmherzige Fleischermeister.

Sinnierender Schlächter. All diese Beschädigungen, die böse Selbstgerechtigkeit und versteckte Geilheit, spielen sich in einer surrealen Szenerie ab. Horváth verliert sich in einer Fassade. Die Walzer- und Operettenklänge, die dilettantischen Pianoträumereien (Musik: Felix Huber) hallen seltsam verzerrt als Leitmotiv durchs Stück, schräg ist auch die Besetzung. Johann Adam Oest, diesen erstklassigen Darsteller, als Mariannes Vater auftreten zu lassen ist sonderbar. Der Zauberkönig sollte hier in Wien halt doch ein Wiener sein, der seine Unmoral so schmierig zur Schau stellen kann wie Moser oder Qualtinger. Gut kommt Oest nur im Finale zur Geltung, nicht in der latenten Aggression davor. Auch Krisch als Oskar ist sehr zurückgenommen, er sinniert in der Paraderolle des gemeinen Wiener Schlächters, der seine Brutalität mit pseudo-religiösen Sentenzen kaschiert – harmlos, wenn man ihn mit Hermann Scheidleder als seinem abartigen, Frauen hassenden Gesellen Havlitschek vergleicht.

Und auch Bibiana Zeller nimmt man ihre Rolle als horrible Großmutter nicht ganz ab. Sie ist vom Naturell her viel zu gut dafür, versteht es aber, dieses sympathische Manko durch mutigen Einsatz der Stimme, durch abrupte Wechsel bis hin zum arg Pathetischen zu sublimieren. Sie hat auch in Barbara Petritsch eine hervorragende Partnerin in den Dialogen, die sich als ihre Tochter (und auch als kalkulierende Baronin) ausgezeichnet macht.

Nun aber zu den Skurrilitäten: Hanno Pöschl soll den Mister aus Amerika spielen, der Marianne als Diebin ins Gefängnis bringt. Er wirkt bei der recht flotten Heurigenszene wie ein Fremdkörper, das aber nicht, weil er einen Amerikaner spielt, sondern weil er den Amerikaner schlecht spielt. Erst beim Streit im Nachtlokal blüht er auf, da ist er ein echter Wiener. Falk Rockstroh aber wäre alles, nur kein österreichischer Rittmeister, er wirkt so abgehoben wie in der Zweitrolle als Tante.

Die tolle Regina Fritsch. Wo sind die positiven Überraschungen? Hinreißend spielt Regina Fritsch die verwitwete Trafikantin Valerie. Sie ist herrlich überdreht, lüstern, boshaft, berechnend und auch – menschlich. Im Zusammenspiel mit ihr blühen auch die anderen auf, zum Beispiel Gerrit Jansen als ziemlich schräger Jungnazi Erich. Fritsch findet auch den richtigen Ton in den Begegnungen mit Oest, Minichmayr und Ofczarek. Der ist als Alfred im Ton perfekt, aber manchmal zu selbstverliebt, um nicht zu sagen disziplinlos im Herumstehen an der Rampe. Aber in den entscheidenden Passagen zeigt sich, was für ein glänzender, lockerer, intensiver Darsteller er ist.

Charisma im Übermaß hat natürlich auch Minichmayr. Wenn sie singt, von der Wachau wie von ihrem verpfuschten Leben, wird alles still. Wenn sie tanzt, gewollt ungelenk wie eine in ihren Trieben niedergehaltene Bürgerstochter, dann empfindet man Mitleid. Wenn sie beichtet und Robert Reinagl als richtender Geistlicher über ihr droht, so wie all diese bösen Männer über ihr stehen, zum Missbrauch bereit, dann ist das eine Unterwerfung, der sie sich im letzten Moment entzieht. Ganz verlassen ist sie jetzt.

Schlimme Enge. Aber Minichmayr wirkt auch verloren, wenn es nicht dem Text entspricht. Dann sucht sie so wie ihre Kollegen wohl die dramatische Spannung, die Bachmanns brave Interpretation des Stückes nicht hergibt. Für diese Ratlosigkeit gibt es auf der Bühne sogar eine Metapher. Die Darsteller ziehen sich immer wieder in Schränke zurück, die als ihre Wohnungen und Läden dienen. In solch einem Kasten kauert Marianne, wenn sie nicht mehr kann. Dorthin, in die schlimmste Enge, bittet sie der grobe Schlächter, dessen Liebe sie nicht entgeht. Die Glocken läuten. Nun schleppt man sich dem Ende entgegen.

1931
Mit 29 Jahren vollendet Ödön von Horváth (1901–1938) seinen Dreiakter „Geschichten aus dem Wiener Wald“. Das Drama wird am 2.11. 1931 am Deutschen Theater in Berlin mit großem Erfolg uraufgeführt. Im selben Jahr erhält der österreichische Schriftsteller den Kleist-Preis.

1933
Die Nationalsozialisten unterdrücken Aufführungen von Horváth-Stücken.

1938
Horváth trifft sich in Paris mit dem Regisseur Robert Siodmak, um eine Verfilmung seines Romans „Jugend ohne Gott“ (1937) zu besprechen. Der Autor wird am 1. Juni vor dem Théâtre Marigny von einem herabstürzenden Ast erschlagen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.04.2010)

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