Für diese Geister ist immer auch 1938

Kritik In „Falsch“ trifft eine von den Nazis ermordete Familie auf den Sohn, der überlebt hat.

Ist es schwarzer Sand, ein weicher, unebener Teppich, ein Haufen Asche? Die Bühne des Theaters Nestroyhof Hamakom ist dick mit einem dunklen Gummigranulat bestreut, das Licht und die Schritte der Figuren schluckt – nicht aber ihre Verbitterung, ihre Enttäuschung. Am Ende werden sie den Boden mit Schneeschaufeln abtragen, bis dahin steht er für einen Zwischenort, den es nur im Theater geben kann: zwischen Leben und Tod, zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Realität und Erinnerung. Hier treffen sich im Stück „Falsch“ des jüdisch-belgischen Autors René Kalisky, der die NS-Jahre als Kind überlebt hat, die Geister einer im Holocaust ermordeten Berliner Familie mit dem Sohn, der rechtzeitig geflüchtet ist.

Da ist also Joseph Falsch (Franz Xaver Zach), der nach New York gezogen ist und sich jetzt Joe nennt. „Wir feiern deine Rückkehr“, sagt die Familie, die zu dumpfen Beats tanzt, als täte sie das unentwegt seit Langem. Die Eltern sind da, die Brüder und die Schwester, Onkel und Tanten – selbst Josephs Jugendliebe Lilli, die Tochter eines Nazifunktionärs, die im Bombenhagel starb und Joes Familie nie getroffen hat. Ihre Anwesenheit trübt die Stimmung, bald kommen Familiengeheimnisse zum Vorschein, und Vorwürfe werden laut: Wie konnte Joe seine Familie, seine Heimat einfach zurücklassen? Und: Warum musste sich sein Vater in Berlin „festkrallen“, warum hat er seine Kinder nicht gerettet?

Das Ambivalente, Rätselhafte dieser Konstellation zieht sich durch alle Ebenen des Stücks. Die Figuren sprechen abwechselnd im Präsens und Präteritum; sie leben zugleich in der letzten Gegenwart, die sie erlebt haben, und in einer Zukunft, die sie nicht kennenlernen konnten; sie haben die Ereignisse von 1938 zugleich gegenwärtig und bereits reflektiert. „War wirklich nicht der Mühe wert, die Zeit zu überdauern, wenn man sich dann mit der alten Gehässigkeit wiedertrifft“, sagt der Bruder Gustav an einer Stelle. Wie ein echter Mensch wirkt er genauso wenig wie die anderen Verwandten, eher sind sie alle recht abstrakte Typen in einer künstlichen Familienaufstellung.

Der Regisseur des Abends, Nestroyhof-Leiter Frederic Lion (der das Stück aus den 80er-Jahren als Erster in Österreich zeigt), verstärkt das, indem er die Figuren in Neonrahmen stellt, die sie wie Ahnenbilder an der Wand wirken lassen. Die Inszenierung bleibt zu distanziert, um wirklich zu berühren: Die Mitglieder dieser Familie Falsch können zärtlich und hart zueinander sein – aber sie bleiben letztlich Gespenster, wie sie nur auf einer Bühne zusammentreffen können.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.03.2019)

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