Arturo Ui lernt schnell, wie man ein hasserfüllter Führer wird

Kritik Im Landestheater Linz setzt Stephan Suschke Bertolt Brechts Parabelstück über den Aufstieg des Nationalsozialismus respektabel um.

asilij Sotke als pathetischer Schauspieler, der Arturo Ui (Christian Taubenheim) Unterricht gibt.
asilij Sotke als pathetischer Schauspieler, der Arturo Ui (Christian Taubenheim) Unterricht gibt.
asilij Sotke als pathetischer Schauspieler, der Arturo Ui (Christian Taubenheim) Unterricht gibt. – Christian Brachwitz

„Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch“, heißt es im kurzen Epilog von Bertolt Brechts Drama „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“. Seine furchtbare Vermutung, dass die Gefahr von Faschismus und Extremismus noch lang nicht gebannt sei, scheint bis heute für die Nachgeborenen zu stimmen. Bereits 1934, im Jahr nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Deutschen Reich, hat Brecht eine Satire auf Adolf Hitler geplant. 1941 wurde der Text im Exil fertiggestellt, doch zur Uraufführung kam das Parabelstück erst postum, 1958 in Stuttgart. Es wurde seither ein Hit, etwa bei Heiner Müller im Theater am Schiffbauerdamm. Diese legendäre Inszenierung mit Martin Wuttke in der Titelrolle wird seit 1995 vom Berliner Ensemble gespielt.

Am Freitag versuchte am Landestheater Linz dessen Schauspieldirektor Stephan Suschke in diese großen Fußstapfen zu treten – mit einem respektablen Ergebnis. Seine Inszenierung geht behutsam mit dem Aberwitz des Textes um. Der Aufstieg Hitlers und seiner Spießgesellen, das Mörderische, das dann folgt, wird von Brecht ins kriminelle Milieu von Chicago versetzt. Die Gangster reden aber in gebundener Sprache wie in einem klassischen Drama. In seinen Notizen empfahl Brecht den großen Stil und warnte davor, in reine Travestie zu verfallen. In Linz wird diese Mahnung zur Vorsicht berücksichtigt.


Die Figuren sind leicht enttarnt. Grell ist der Beginn, wenn der Ansager, zum Clown geschminkt, bei Musik wie im Zirkus vor den Vorhang tritt, um die Verbrecher vorzuführen. Die Drehbühne hat Momme Röhrbein fast leer gelassen. Neonröhren und Scheinwerfer hellen die düstere Atmosphäre nur phasenweise auf. Die historischen Figuren sind leicht zu enttarnen: Der Politiker Dogsborough (Lutz Zeidler) mit seinem Zwirbelbart sitzt im Rollstuhl. Es war der korrupte Reichspräsident Hindenburg, der Hitler schließlich zur Macht verhalf. Dazu tragen auch die „Führer des Karfiol-Trusts“ bei. Sie stehen für die Junker. Als Investoren planen sie anfangs, gelangweilt Zeitung lesend, wie aus dem Staate Geld zu pressen sei. Einem verschüchterten Typen im schlecht sitzenden braunen Nadelstreifanzug, der von einem Schutzgeldimperium träumt, schenken sie kaum Beachtung. Sie werfen ihn raus.

Es ist Arturo Ui. Christian Taubenheim spielt ihn als einen schmierigen Strizzi, der rasch lernt. Bald hat er nicht nur Dogsborough in der Hand, sondern auch das Kapital. Die eigene, mit Faustfeuerwaffen und MPs ausgestattete Gang beherrscht er ohnehin. Giri (Klaus Müller-Beck), der für Göring steht, und Givola für Goebbels (Julian Sigl übertreibt das Hinken nicht) sind meist mit wechselseitigen Intrigen beschäftigt. Zum spektakulärsten Opfer des internen Machtkampfes wird Uis Leutnant Ernesto Roma. Alexander Hetterle spielt diesen Röhm-Verschnitt als furchteinflößenden Psychopathen.

In Chicago gilt wie in Berlin: Da wird nicht lang gefackelt, da wird abgefackelt im symbolischen Reichstagsbrand. Bald wird auch Roma mit seiner Mörderbande liquidiert, in einer Garage, mit Knalleffekten wie in einem billigen Mafiafilm. Bald ist auch Zeitungszar Dullfeet (Christian Higer) aus dem Nachbarort dran, der für Österreichs Kanzler Dollfuß steht (den die Nazis 1934 ermordet haben). Nach der feindlichen Übernahme hat der an die Macht gelangte Gangster Ui leichtes Spiel mit der hysterischen Witwe Dullfeet (Ines Schiller).

Wie gesagt, er lernt schnell. Köstlich ist die Szene, in der Ui bei einem Schauspieler Unterricht nimmt, um sich rhetorisch, mimisch und in den Gesten zu verbessern. Geübt wird die Rede des Mark Anton aus Shakespeares „Julius Caesar“ – ein Gustostück für Vasilij Sotke als Lehrer und für Taubenheim als Schüler. Nach ersten Versuchen lächerlichen Stapfens in bizarrem Stechschritt steht er brüllend da, der hasserfüllte Führer, steigt auf einer Hebebühne immer höher. Er fordert die totale Unterwerfung. Nun stimmen Gestik und Stimmlage, schließlich wird Ui mit einem Hitlerbärtchen ausstaffiert. Dass er einmal seinen Körper zum Hakenkreuz verformt, kennt man bereits von Wuttkes Darstellung des Ui. Es ist vielleicht als nette Reverenz an Müller gedacht.

Rasend nähert man sich dem Untergang. „Stoppt keiner diese Pest?“ Wer weiß. Der Linzer Ui spricht nicht nur, wie es im Text steht, über einen durch Panzer, Kanonen und Knüppel erzwungenen Frieden, sondern extemporiert: über die weiße Rasse, den Lebensstandard, die ersehnte Vormachtstellung in der Welt, die Flut aus Süd und Ost. Man achte also scharf: Der Schoß ist fruchtbar noch. ?

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.03.2019)

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