Berliner Theatertreffen führt Frauenquote ein

In den kommenden Jahren müssen fünf der zehn eingeladenen  Stücke von Frauen inszeniert worden sein. Ohne Quote „ändert sich nichts", begründet die Festivalleiterin.

Hotel Strindberg | Simon Stone nach August Strindberg | Akademietheater
Hotel Strindberg | Simon Stone nach August Strindberg | Akademietheater
Aus Österreich heuer beim Theatetreffen dabei: "Hotel Strindberg" von Regisseur Simon Stone – (c) Burgtheater (Reinhard Maximilian Werner)

Jedes Jahr werden beim Berliner Theatertreffen die "zehn bemerkenswertesten Inszenierungen" aus dem deutschsprachigen Raum eingeladen. In den kommenden beiden Jahren soll mindestens die Hälfte der ausgesuchten Stücke von Regisseurinnen stammen, denn es wird eine Frauenquote eingeführt. "Ich dachte lange, es geht auch ohne Quote. Aber ich habe einfach gemerkt: Es ändert sich nichts", begründet Festivalleiterin Yvonne Büdenhölzer den Schritt. "Im Theatertreffen gibt es eine großes Missverhältnis zwischen männlichen und weiblichen Regisseuren. Und das seit den 1960er Jahren."

Daher gebe es nun für die Jahre 2020 und 2021 die Quotenregelung. "Freundliche Absichtserklärungen, mehr Regisseurinnen zu nominieren, reichen nicht. Es braucht ein Instrument von außen und das Theatertreffen kann hier eine Vorreiterrolle einnehmen", sagt Büdenhölzer.

"Die Leitung von Theatern ist eine Männerdomäne"

Frauen seien in vielen Positionen im Theater unterrepräsentiert, so die Festivalleiterin. "Das zeigt sich bei den Regisseurinnen, aber auch in der Besetzung von Intendanzen." Die meisten Theater - vor allem die großen Häuser - würden von Männern geleitet.

Büdenhölzer verweist auf eine frühere Studie im Auftrag der deutschen Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU). Demnach kamen 2013/2014 Frauen bei der Bühnenleitung seltener zum Zuge als Männer. "Die Leitung von Theatern ist eine Männerdomäne, hier hat sich in den letzten 20 Jahren nur sehr wenig geändert", hieß es damals.

 Ehefrau, Mätresse, Dienstmädchen, Hure oder Botin

"Auch bei den Stoffen sieht man ein deutliches Missverhältnis", sagte Büdenhölzer. "Schaut man sich den klassischen Kanon an, sind überwiegend Stücke zu finden, in denen Männern die Hauptfiguren zugesprochen werden." Unter den Klassikern seien weiblich dominierte Stücke wie "Maria Stuart" oder "Drei Schwestern" Ausnahmen. "Frauen tauchen in vielen klassischen Stücken vor allem als Ehefrau, Mätresse, Dienstmädchen, Hure oder Botin auf."

Bei zeitgenössischen Stücken seien die Rollen schon etwas anders. Aber es gebe nach wie vor viel weniger Autorinnen als Autoren, die die Spielpläne mitbestimmten, sagte Büdenhölzer. Während des Theatertreffens soll es zu diesen verschiedenen Aspekten nun eine "Konferenz zu Gender(un)gleichheit" geben. Dort soll unter anderem Autorin Charlotte Roche ("Feuchtgebiete") sprechen.

"Hierarchisch und nicht familienfreundlich"

"Wenn man sich fragt, warum es so ein starkes Missverhältnis gibt, dann gibt es eine einfache Antwort: Das hat mit Strukturen zu tun", sagt Büdenhölzer. Theater seien keine familienfreundlichen Betriebe und zu lange auch zu hierarchisch geleitet worden. "Und Frauen - egal ob mit oder ohne Familie - haben es in diesem Betrieb einfach viel schwerer", sagte Büdenhölzer.

Aus ihrer Sicht muss die Arbeit am Theater familienfreundlicher werden. Zum Beispiel brauche man als Schauspielerin bei einer Vorstellung oder Probe am Abend eine Kinderbetreuung. "Das gilt übrigens genauso für Männer. Dafür müssen die Theater Verantwortung übernehmen und entsprechende Budgets für Babysitter schaffen." Es seien schon einige Dinge im Umbruch, manche Häuser hätten etwa den probenfreien Samstag eingeführt.

Büdenhölzer will mit ihrer Regiequote in den kommenden beiden Jahren ein Signal für die Theaterszene setzen. Das werde auch etwas an den Sehgewohnheiten der Jury ändern. "Ich wünsche mir, dass Frauen stärker als Künstlerinnen gefördert und nicht nur als "fleißige Handwerkerinnen" gesehen werden", sagte Büdenhölzer. "Und dass man wegkommt von der Idee des rein männlichen Geniekults."

Theatertreffen 2019

Bei der aktuellen Ausgabe, die am Freitag (3. Mai) beginnt, stammen drei der zehn ausgesuchten Stücke von Regisseurinnen oder einem überwiegend weiblichen Kollektiv.

Aus Österreich ist die Burgtheaterproduktion "Hotel Strindberg" von Regisseur Simon Stone dabei.

Weiters eingeladen sind: Die Produktion "Oratorium" der Gruppe She She Pop aus dem Berliner Theater Hebbel am Ufer (HAU), die Dramatisierung des Romans "Unendlicher Spaß" von David Foster Wallace durch Thorsten Lensing in einer vielfachen Koproduktion (u.a. mit dem Schauspiel Stuttgart und dem Schauspielhaus Zürich), das vielstündige Mammut-Spektakel "DionysosStadt" von Christopher Rüping aus den Münchner Kammerspielen, "Girl From The Fog Machine Factory" von Thom Luz aus der Zürcher Gessnerallee, Ulrich Rasches Dramatisierung von Agota Kristofs Roman "Das große Heft" aus Dresden, die Theaterbearbeitung von Ingmar Bergmans Film "Persona" durch Anna Bergmann (Deutsches Theater Berlin in einer Koproduktion mit dem Malmö Stadsteater), "Erniedrigte und Beleidigte" von Regisseur Sebastian Hartmann nach dem Roman von Fjodor M. Dostojewski aus dem Staatsschauspiel Dresden sowie "Tartuffe oder das Schwein der Weisen" aus dem Theater Basel (Regie: Claudia Bauer).

(APA)

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