Goethes Held in tiefster Pubertät

Calle Fuhr inszeniert im Volx/Margareten „Die Leiden des jungen Werther“ blutjung. Am Ende ahnt man: Lotte hat sich zu Recht für Albert entschieden.

Vergebliche Liebesmüh: Werther (Anton Widauer) kann bei Lotte (Tilla Rath) nicht landen.
Vergebliche Liebesmüh: Werther (Anton Widauer) kann bei Lotte (Tilla Rath) nicht landen.
Vergebliche Liebesmüh: Werther (Anton Widauer) kann bei Lotte (Tilla Rath) nicht landen. – (c) Max Hammel

Gleich mit seinem ersten Roman hat Johann Wolfgang von Goethe 1774 einen Bestseller geschrieben. Junge Männer stolzierten überall in Europa wie Werther mit blauem Frack, gelber Weste, braunen Stulpenstiefel und von Sehnsucht blödem Blick durch die Gegend. Dass scharenweise unglücklich Verliebte den Freitod wählten, könnte ein Gerücht, wenn nicht gar eine geschickt platzierte Marketingmaßnahme gewesen sein. Sicher ist jedenfalls: Goethe, bereits Mitte 20, hat sich durch diesen genialen Gefühlsüberschwang in Briefen eine Menge Liebesverwirrungen von der Seele geschrieben: „Die Leiden des jungen Werther(s)“ bewegen noch heute, zumindest die Gemüter von Deutschprofessoren.

Für das Volkstheater in den Bezirken hat der talentierte Regisseur Calle Fuhr den Stoff auch für weitere Generationen schmackhaft gemacht. Seine eigene Fassung des „Werther“ geht flott in 70 Minuten vom Stadium des frisch und irre in Lotte vernarrten Titelhelden bis in das Nichts des Verlierers. Das ist frisch gemacht, stark vereinfacht, sympathisch. In die Tiefe des Textes kommt man kaum. Der Selbstmord sieht nicht nur zufällig aus, er wird auch durch den übermächtigen Rivalen provoziert, der dem jungen Mann dafür die Pistole in die Hand drückt.

Singen, tanzen, necken, küssen

Anton Widauer spielt den Werther wie einen übermütigen Teenager. Gleich zu Beginn tanzt er durch das Parkett, konfrontiert körpernah das Publikum und spricht den ersten, an einen fernen Freund gerichteten Brief: „Lieber Wilhelm, wie froh bin ich, dass ich weg bin . . .“, schreibt er über eine eben überstandene, kleine Affäre. Der Text ist freundlicherweise via Overheadprojektor auf eine Wand projiziert: An drei Seiten begrenzen Papierbahnen die Bühne, auf der sich nur ein Tisch, zwei Sessel und ein großes Mikrofon befinden. Schon tritt Lotte (Tilla Rath) aus dem Hintergrund hervor. Werther hat ihr ein Gedicht mitgebracht. Reiner Sturm und Drang. Sie necken sich oft und tanzen dazu, melancholisch singen sie manchmal (Rath kann es, Widauer nicht).

Er will sie küssen, fast wird es intensiv. Noch wehrt sie den tollen Verehrer ab, da tritt der Verlobte dazwischen: Sören Kneidl gibt diesen Albert nicht bloß bieder, wie das Werther gern sähe, sondern wohlüberlegt, wissend, dass er die besseren Karten im ernsten Liebeshandel hat. Lotte wurde ihm versprochen, als deren Mutter starb. Seither kümmert sie sich um die jüngeren Geschwister – bereitet sich so auf die Ehe vor.

Vernunft und Gefühl sind bei Goethe treibende Kräfte. Fuhr forciert die Emotion, bis ins Absurde. Widauer hat starke Präsenz und wirkt durchaus charmant. Rath verleiht ihrer Rolle Bodenständigkeit, selten lässt sich ihre Lotte davontragen, ins Abenteuer. Souverän agiert Kneidl. Bei ihm ist die Unruhe über den Schwärmer begrenzt. Sie blitzt nur auf, wenn der es gar zu toll treibt. Das Killerargument des hart Arbeitenden: Werther lasse sich von der Mutter aushalten: „Freiheit durch die Nabelschnur“ wird dem verwöhnten Konkurrenten attestiert. Was sagt Lotte? „Albert, ich bin dein Fels, und du bist meiner.“ Werther hat keine Chance.

Nächste Termine in den Bezirken: 8.5. (Längenfeldg.), 10.5. (Brigittenau), 11.5. (Heiligenstadt), 12.5. (Großfeldsiedlung), 14.5. (VZ Paho), 15.–17.5. (Theater Akzent).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.05.2019)

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