Wiener Festwochen: Frau Liddell und die nackten Männer

Betulicher Aktionismus in „The Scarlett Letter“.

Angélica Liddell ist wieder einmal in der Stadt, etwas reifer, aber immer noch mit enormer gespielter Wut im Bauch unter dem schwarzen Reifrock. Die spanische Performerin rebelliert, so schreibt sie im Programmheft der Wiener Festwochen, „weiterhin gegen die brutale Heuchelei innerhalb des Puritanismus“. Dafür hat sie sich diesmal Nathaniel Hawthornes „The Scarlet Letter“ als Schablone genommen, einen wunderbaren US-Roman von 1850, der die von der bösen Gesellschaft stigmatisierte Hester zur Heldin hat. Die verheiratete Frau kriegt vom Pfarrer ein Kind, verrät ihn aber nicht. Sie muss ein scharlachrotes A tragen. Das könnte für „Adultery“ stehen. Durch Hester wird es eine Anklage der Bigotterie.

Bei Liddell steht es für Angélica, für Artist, für alles Mögliche. Mit Hawthornes Vielschichtigkeit hat die 100 Minuten lange Show jedoch kaum zu tun, wie die heftig akklamierte Premiere am Sonntag im Museumsquartier zeigte. Die Künstlerin zieht konsequent ihr Ding durch, betulich und oberflächlich. Man könnte summieren, ihr Angriffsziel seien körperfeindliche monotheistische Religionen, deren Verkünder Frauen unterjochen.

Fellatio als eine Art Kommunion

Die Aufführung hat mitreißende Musik wie Lullys „Marche pour la Cérémonie des Turcs“, auch Sakrales und Schnulzen, ist flott choreografiert. Man hört hysterische Anklagen, einen misogynen Schwall gegen geile Vetteln (wohl sarkastisch-ironisch intendiert) und (vielleicht sogar ernst gemeinte) Brosamen postmoderner Pariser Denke. Es gibt massenweise Entblößungen – vor allem männliche. Tänzer umschwärmen die Protagonistin. Sie sind in lange seidene Mäntel mit spitzen Kapuzen gekleidet, als ob sie ein Autodafé besuchten, sie wirbeln herum. Bald lassen sie die Hüllen fallen, turnen mit Tischen und vollführen seltsame Riten.

Eine Szene persifliert eine Art Kommunion: Liddell nimmt von jedem Aufgereihten den Penis in die Hand, kniet dann nieder, empfängt in Serie die Glieder. Das letzte steckt sie sich kurz in den Mund. Solcher Post-Aktionismus aber führt zu keiner Erregung mehr. Schlimmer wäre es heute wohl, wenn sich das Festival ein Gender-Vergehen, oder, Gott bewahre, ein falsch platziertes Kopftuch leistete. Die politisch korrekten neuen Puritaner würden ein Verbot fordern.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.05.2019)

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