Von Barbara Petsch

Festwochen: Das Leben in politisch bewegten Zeiten

KritikNicht in Österreich, in Thailand: „The Song Father Used to Sing“ bei den Festwochen: Heiter, kontemplativ.

Thailand ist vielen von uns vertraut, das glauben wir jedenfalls, wenn wir an schöne Mädchen oder Boys, Strände, Streetfood und Gastfreundschaft denken. Thailand erlebt aber auch Zeiten heftiger Aufstände, wovon Touristen nichts merken sollen. Das gelingt sogar – meist.

Wie lebt es sich in einem Land, in dem, nicht zuletzt wegen des Buddhismus, der Gelassenheit empfiehlt, kaum Hoffnung auf echte politische Veränderungen besteht? Damit befasst sich Wichaya Artamat und zeigt bei den Festwochen im Nestroyhof „This Song Father Used to Sing“. An drei Tagen von Staatsstreichversuchen, die das Militär brutal niedergeschlagen hat, sehen wir Geschwister – einen Mann, eine Frau – beim Gedenken an ihren toten Vater im Haus, in dem sie aufgewachsen sind. Die zwei diskutieren 110 Minuten lang über Alltägliches. Die Schwester hat ihr Yogastudio geschlossen, jetzt will sie Köchin werden. Sie verspottet den Bruder, der Kulturwissenschaften studiert, brotlos, meint sie.

Obwohl die beiden einander unangenehme Wahrheiten sagen, wirken sie nie wirklich aggressiv. Später erinnern sie sich, wie der Vater ihre Haustiere (eine Katze und eine Maus) in ihrer Abwesenheit vertilgt hat. Ein Foto zeigt ihn, flankiert von elektrischen Lampen, die öfter flackern, doch die beiden bemerken nichts. Während sie über Kremation, Ahnengeister und Wiedergeburt plaudern, ignorieren sie die Zeichen direkt hinter ihnen. Aber vielleicht handelt es sich ja nur um kleine Stromstörungen.

Dies ist einmal keine banale, sondern eine einnehmende Art von Alltagskunst. Wir erfahren einiges über thailändische Kultur, etwa, dass man auch im Jenseits Geld braucht: Die Geschwister verbrennen goldenes Buntpapier, die Asche schafft Kaufkraft für den Vater. Die Frau erzählt halb im Scherz von einer Insel, auf der verstorbene Prominente weiterleben. Und falls Sie sich schon öfter gefragt haben, wovon die Lieder in asiatischen Restaurants handeln, hier erfahren Sie es – es ist aber nicht überraschend, es geht um den Mond und die Liebe. „For What“ heißt Wichaya Artamats Theater; ja wofür gibt's die Bühnenkunst? Auch zur Erhellung anderer Kulturen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.05.2019)

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