Fantastisches Theater mit simplen Mitteln: Ein Haus wird gebaut

KritikPhia Ménard spielt wortlos „Contes Immoraux“. Man zittert mit der französischen Performerin um das Gelingen des Projekts.

Phia Ménard mit Klebeband in Aktion: 70 Minuten braucht sie, um ihren Bau zu vollenden.
Phia Ménard mit Klebeband in Aktion: 70 Minuten braucht sie, um ihren Bau zu vollenden.
Phia Ménard mit Klebeband in Aktion: 70 Minuten braucht sie, um ihren Bau zu vollenden. – Jean-Luc Beaujault

Die Künstlerin sieht aus wie eine nachlässig gekleidete Superheldin in Fantasie-Uniform: Minirock, Netzstrümpfe, Stiefel – blau, rot, schwarz, grün. Über die Augenpartie hat sie eine schmale schwarze Maske gemalt. Sie ähnelt so Robin, dem jungen Kampfgefährten des Comic-Heroen Batman. Dessen Fitness hat sie am Donnerstag bei der Premiere der Wiener Festwochen im Museumsquartier auch gebraucht. In „Contes Immoraux – Partie 1: Maison Mère“, einer One-Woman-Show der Compagnie Non Nova, baut die französische Performerin beherzt ein Haus.

Sie ist bereits versiert darin. Ménards Aktionismus wurde im Juli 2017 bei der Documenta 14 in Kassel uraufgeführt, sie geht seither auf Tour. Viele Stationen in Europa sind ihr zu wünschen, denn diese einfach klingende und dennoch kluge Vorgabe, dieses wortlose Spiel ist toll gemacht und entwickelt, so absurd es klingen mag, ungeheure Spannung. Die Emotionen wachsen, man zittert mit ihr um das Gelingen des Projekts. Nach gut 70 Minuten steht der Bau. Aber die letzte Viertelstunde danach, wenn die Heldin reglos im Eck sitzt, wird dann sprachlos zum dringenden Appell: So helft ihr doch in der einbrechenden Katastrophe! Nur Unmenschen könnten jetzt reglos zuschauen.

Die ganze Versuchsanordnung ist raffiniert konstruiert: gurgelnde, hallende Geräusche, als ob jemand in einem Keller gegen Metallröhren schlägt. Auf dem mit Plastik isolierten Bühnenboden der Halle G liegt ein Riesenbogen aus Karton, wie ihn Bastler lieben. Der prüfende Blick auf die Falzlinien und gestanzten Teile macht klar, dass man Konturen eines Gebäudes sieht.

 

Kann uns Athene retten vor der Flut?

Da erhebt sich die wasserstoffblonde, im Hintergrund sitzende Heldin, umkreist prüfend das Viereck aus Karton, schnappt sich eine Metallstange und beginnt, die überflüssigen Teile des Bogens aufzuspießen, herauszureißen. Den Abfall schmeißt sie beiläufig in eine Ecke. Der übrige Karton ähnelt in den Proportionen dem Parthenontempel, der für die Stadtgöttin Athene auf der Akropolis erbaut wurde. Hier wird also ein Mythos geschaffen, ein heiliger Ort und eine Schatzkammer zugleich, zumindest die Kopie davon. Tätig wirkt eine Unsterbliche, die sich in ihrem Athen stets auch für Flüchtende und Verfolgte eingesetzt hat.

Ménard ist eine hervorragende Jongleurin. Das merkt man, wenn sie mit dem Material spielt, Wände mit Stangen stützt, Ecken mit einer Menge an dicken Klebestreifen fixiert. Das Publikum stöhnt, wenn der halb fertige Bau zusammenzufallen droht, wenn die Stützen nicht halten. Sie spielt mit den Ängsten geschickt, diverse Geräusche – live aufgenommen, seriell und überlagert wiedergegeben – verstärken den Effekt.

Nach gewaltiger Anstrengung und einigen Cliffhangern wuchtet sie den imaginären Tempel hoch. Im Inneren kreischt eine Motorsäge, bald sieht man, was entsteht: Säulenreihen aus Karton. Mittendrin die bewaffnete Göttin, die wie eine Riesin wirkt.

Das Ende ist grausam. Starker Regen setzt ein. Tatenlos sitzt die Baumeisterin auf der Halde mit dem Abfall, während ihr rettendes Haus unter Wassermassen einstürzt. Athene sammelt ihrer Speere ein. Sie verlässt uns. Sie geht durch dichten Nebel ab.

Noch ein Termin im Museumsquartier: 25.5., 20.30 Uhr

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.05.2019)

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