Aktionstheater Ensemble: So laut kann Lethargie sein

Zu ihrem 30. Geburtstag bringt die Truppe ein intensives Stück über eine gelähmte Zivilgesellschaft ins Werk X.

„Zack, zack, zack“ und „Genug ist genug“: Politische Anspielungen verkneift sich das Aktionstheater Ensemble nicht, jene nun schon 30 Jahre alte Truppe von Martin Gruber, die sich ihre vielen Auszeichnungen nicht nur aufgrund ihrer ausgeklügelten Stücke zum Status quo der Gesellschaft verdient hat, sondern auch, weil diese Stücke immer im richtigen Moment kommen: Kaum sonst wo findet man Aktuelles so elegant in Theatertexte eingewebt wie auf den Bühnen, die das Aktionstheater Ensemble bespielt.

Diesmal ist es die des Werk X in Meidling, auf der noch bis Sonntag die Jubiläumsproduktion „Wie geht es weiter – die gelähmte Zivilgesellschaft“ zu sehen ist. Es herrscht Post-Ibiza-Stimmung, das heißt: Man kann die Politik Politik sein lassen, sich wieder dem angenehm Trivialen widmen. Man hat ja eh so viele Nöte! Die Darsteller, die hier ihre echten Vornamen tragen, haben in diesen 70 Minuten zu schleppen – Autoreifen, die in einer präzisen Choreografie ihren Platz wechseln. Welche Last, die da immer wieder aufgehoben und wieder fallen gelassen wird! Afrika, Umweltschutz, Faschismus, das alles „ist ein Riesenthema bei uns“, beteuert Michaela (Bilgeri) mit weit aufgerissenen Augen und verschmiertem Kajal. Ihre männlichen Bühnenkollegen kratzen sich im Schritt. In ihrem – wie üblich bei diesem Ensemble – pointierten, rasanten Redefluss umschiffen sie alle die „Riesenthemen“, die ja eh nur überfordernd sind für die „Gesellschaft zwischen Saturiertheit und Prekariat“, die Martin Gruber hier skizzieren will.

Masturbation, so anstrengend!

Also wird sinniert, ob Menschen, die auf dem Ballen statt auf der Ferse gehen, tatsächlich glücklicher sind, und beklagt, wie anstrengend Selbstbefriedigung ist. Benjamin (Vanyek) steigert sich geifernd in einen Monolog über verhasste Schokoladesorten, Maria (Fliri) erklärt, dass sie ihre Wohnung im Zweiten lieber nicht vermieten will, das ist einfach zu belastend. Man wiederholt sich, unterbricht einander, bis die durchdringende Stimme des Sängers Pete Simpson alles übertönt: So laut kann Lethargie sein.

Wie weit kann das gehen? Beim Seilklettern in der Schule habe Michaela, wenn die Anstrengung fast nicht mehr auszuhalten war, etwas Ähnliches wie einen Orgasmus erlebt. Daran denkt sie immer, wenn sie glaubt, es geht nicht mehr, „genug ist genug“: Ein bisserl geht halt immer noch. Verdienter Applaus für ein intensives Gesellschaftsporträt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.06.2019)

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