Sommerspiele: Beglückender Tschechow in Perchtoldsdorf

Kritik„Jedermann“-Regisseur Michael Sturminger inszenierte „Onkel Wanja“: Witzig, spritzig, todtraurig.

Vor Holzplatten, in der Opferrolle: Laura Laufenberg begeistert in Perchtoldsdorf als Sofja.
Vor Holzplatten, in der Opferrolle: Laura Laufenberg begeistert in Perchtoldsdorf als Sofja.
Vor Holzplatten, in der Opferrolle: Laura Laufenberg begeistert in Perchtoldsdorf als Sofja. – (c) Sommerspiele/Lalo Jodlebauer

Irgendwann, wenn es so weit ist, werden wir einfach sterben. Und dann erwartet uns ein strahlendes, helles, herrliches Leben.“ Bei diesen Worten Sofjas kann der ehemalige Pfarrer von Perchtoldsdorf ein seliges Lächeln kaum unterdrücken. Ja, in der Gemeinde im Süden von Wien blüht noch katholisches Brauchtum, Ostern, Weihnachten, Fronleichnam, man liebt Prozessionen.

Theater ist ja eine nicht immer geliebte Verwandtschaft des Kultus. „Jedermann“-Regisseur Michael Sturminger hat das Spiel auf dem Salzburger Domplatz quasi entgöttlicht; auch bei den Sommerspielen, die er vor seinem Salzburger Engagement übernommen hatte, schwand das Pathos. Heuer geht es auf dem Platz vor der Perchtoldsdorfer Burg überhaupt ganz modern zu. „Onkel Wanja“ findet in einem Bühnenbild aus Holzplatten statt: Wohl eine Anspielung darauf, dass die Patchworkfamilie Wojnizki ihren wichtigsten Schatz, den Wald, dem Sägewerk überantwortet hat. Doktor Astrow schildert drastisch das Schrumpfen des Wildbestandes. Die gelangweilte Professorengattin Elena tangiert das kaum, sie muss Astrow fragen, ob er an ihrer Stieftochter Sofja interessiert ist, tatsächlich steht die Dame, die schwingende Röcke à la Monroe trägt, selbst auf den Arzt – und er auf sie. Sturmingers Regie zeigt die Begierden, die dieses Geflecht aus Zorn und Resignation durchwehen, schließlich durchstürmen. Elena möchte mit ihrem Professor schlafen, der Überpapa ist aber im Bett nicht so faszinierend wie im Hörsaal, die Gicht plagt ihn, und er lässt sich lieber von der betagten Kinderfrau mit Lindenblütentee zur Ruhe betten. Eine der köstlichsten Szenen dieses köstlichen Abends.

Elena küsst den Arzt, versteckt sich am Ende mit ihm hinter den Holzplatten. Auch Wanja will der Lady zu Leibe rücken, aber als er mit seinen Rosen kommt, liegen Astrow und Elena einander gerade in den Armen – und frech nimmt der Doktor Wanja die Rosen aus der Hand und übergibt sie der Frau.

Vom Beginn, wenn die Sommergesellschaft zerstreut plaudernd auf die Bühne zappelt, bis zum Schluss, der zu Tränen rührt, ist dies eine wunderbare Aufführung. Und großartig besetzt: Andreas Patton als Professor, lang, schmal, kahl geschoren, mit weißem Hut und flatterndem Mantel, muss mit seinem Charisma, das eigentlich bloß Egomanie ist, die sarkastische und laszive Elena (Virginia V. Hartmann) einst schwer beeindruckt haben. Dass ihr jetzt Wanja nachrennt, den Jörg Witte als Althippie spielt, kann Elena kaum locken, einen Oldie hat sie schon . . . Der Doktor ist nur wenig älter als sie, kein Wunder, dass sie mit ihm flirtet: Emanuel Fellmer gibt einen dunklen Untergangspropheten, der aber anscheinend jederzeit aus seiner Misanthropie aufgeweckt werden kann, durch Leidenschaft, die ja der Todessehnsucht recht nahe ist.

Zauberhaft: Michou Friesz als Mutter

Michou Friesz ist als Mutter, die das Chaos um die Zukunft des Familienguts mit Introversion abwehrt, eine Figur wie aus einem Gemälde, zauberhaft. Laura Laufenberg begeistert als Sofja, die endlich einmal aufbegehren möchte, aber sich schon zu lang in ihrer Opferrolle eingerichtet hat. Inge Maux ist die ideale Besetzung für die herzensgute, ewig seufzende Kinderfrau – und Alexander Tschernek spielt den Telegin, den nicht nur seine Frau verlassen hat, sondern er musste auch die Kinder erhalten, die sie mit ihrem Geliebten bekommen hat, dementsprechend am Ende ist dieser arme Nachbar.

Seit Peter Stein gab es keinen so derart rundum stimmigen Tschechow.

Termine: 11., 12., 13., 18., 19., 20., 25., 26. und 27. Juli.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.07.2019)

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