Pas de deux wie von kunstvollen Judokämpfern

Boris Charmatz, Dimitri Chamblas zeigen beim ImPulsTanz „À bras-le-corps“: geerdet und feinfühlig.

Als ihr gemeinsames Stück „À bras-le-corps“ 1993 in Lyon uraufgeführt wurde, waren Dimitri Chamblas und Boris Charmatz gerade einmal 19 und 20 Jahre alt. Heute, mit Mitte 40, tanzen sie es noch immer, diesmal beim ImPulsTanz – im Untergeschoß des Leopold-Museums. Vielleicht keuchen und schwitzen sie etwas mehr, wenn sie einander wie Judoka beim Randori umkreisen, zu Boden werfen, sich auf den Rücken des anderen stellen oder ihn über den Boden schleifen – bis man einander freundschaftlich wieder auf die Beine hilft.

Das ist kein verbissenes Kämpfen, eher ein gemeinsames Kräftemessen. Immer wieder wird aus dem Gegeneinander ein Miteinander, ein sich blind verstehendes Wir, das im Gleichklang der Bewegungen den beschränkt zur Verfügung stehenden Raum auslotet – mit Fußkicks, Rollen und Sprüngen, vor denen die Zuschauer, die ganz vorn sitzen, erschrocken wegzucken.

Die beiden entschieden sich für dieses selbst heute noch ungewöhnliche Setting, weil es so ganz anders war, als sie es in ihrer Ausbildungszeit gelernt hatten: keine Konfrontation mit Zuschauerreihen, die weit weg von der Bühne aufgestellt sind. Vielmehr bildet ein platzmäßig reduziertes Viereck den zur Verfügung stehenden Bühnenraum. Die Besucher sitzen an allen Seiten rundherum, wie eine lebendige Absperrung, was die Bewegungsfreiheit der Tänzer zügelt und die Distanz zu den Zuschauern aufhebt und damit „jede Möglichkeit der Flucht auf beiden Seiten“, wie die beiden im Programmheft schreiben.


Kraft, Konzentration und Respekt

Tatsächlich macht die Intimität den Reiz des Stückes aus. Nicht nur räumlich und im Verhältnis zum Publikum, sondern vor allem zwischen den beiden Tänzern, die ganz offensichtlich auch eine tiefe Freundschaft verbindet. Es ist ein geerdeter, gleichzeitig feinfühliger Männer-Pas-de-deux, der weit mehr erfordert als Sprungkraft oder einen athletischen Körper. Wie die ostasiatischen Kampfkünste, an die auch das Outfit (weiße Baumwollhosen, weiße Shirts) erinnert, erfordert „À bras-le-corps“ neben Kraft und Konzentration auch einen respektvollen Umgang miteinander, der selbst dann gelebt wird, wenn es einmal etwas rauer zugeht. Eine Reife, die Chamblas und Charmatz offensichtlich schon als Teenager verband, an Energie und Ausstrahlungskraft haben die beiden auch nicht verloren.

Das ganze Programm: www.impulstanz.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.07.2019)

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