Wie Menschen verführbar sind

Susanne Wolf hat für die Kellergassencompagnie den „Revisor“ adaptiert. Auch wenn ihr Komödie Spaß macht – ein Schikaneder-Schicksal will sie nicht.

Als Susanne Wolf den „Herrn vom Amt“ schrieb, war die Ibiza-Affäre noch gar nicht passiert. Sie gibt dem Thema zusätzliche Brisanz.
Als Susanne Wolf den „Herrn vom Amt“ schrieb, war die Ibiza-Affäre noch gar nicht passiert. Sie gibt dem Thema zusätzliche Brisanz.
Als Susanne Wolf den „Herrn vom Amt“ schrieb, war die Ibiza-Affäre noch gar nicht passiert. Sie gibt dem Thema zusätzliche Brisanz. – (c) Akos Burg

Die genaue Funktion ihres Protagonisten muss Susanne Wolf selbst von einem extra mitgebrachten Zettel ablesen – denn diese ist so lang, dass sogar die Autorin leicht durcheinander kommt: Es handelt sich um einen Herrn vom Amt für Finanz-Landes-Bauzufriedenheit-Umwelt-Hygiene-Rechtschaffenheit-und-Gesamtdurchleuchtung. Und die Dienststelle ist nicht (nur) deshalb so umfassend, weil das besonders schön absurd ist, sondern auch, weil sie damit eine gewisse Allgemeingültigkeit bekommt.

„Ich wollte, dass sich damit der Wiedererkennungswert bei jedem Zuseher, jeder Zuseherin auf eigene Weise einstellt“, sagt Wolf über ihre Version von Gogols „Revisor“ – jener bekannten Verwechslungskomödie, in der sich ein ganzes Dorf vor dem zaristischen Kontrolleur fürchtet, der angeblich inkognito unterwegs ist. Um dann einen jungen Mann zu hofieren, der nur zufällig vor Ort ist – und der das Spiel nur allzu gern mitspielt.

Als eine universelle Parabel über Käuflichkeit und Korruption, über Schein und Sein hat Wolf das Stück für die niederösterreichische Kellergassencompagnie in ein fiktives Dorf geholt: nach Wigrinsdorf in Wagranien. Die eine oder andere Anspielung auf die Realität dürfte Regisseurin Luzia Nistler aber inzwischen eingebaut haben: Immerhin ist zwischendurch die Ibiza-Affäre passiert. Sie macht Fragen nach Bestechlichkeit und Schein versus Sein gleich noch aktueller.

„Als ich dieses Stück geschrieben habe – vorgeschlagen hat es Luzia Nistler –, war es, unter Anführungszeichen, nur allgemeingültig“, sagt die Autorin. „Dann hat die österreichische Tagespolitik das Ganze aufgeladen, das Stück hat damit noch einen etwas anderen Beigeschmack bekommen.“ Aber der Fall Ibiza zeige eigentlich „auf traurige Art und Weise auch nur das, was Menschen in anderen sehen, und wie sie ,verführbar‘ sind“.

„Kein österreichisches Phänomen“

Sie selbst glaube eigentlich an das Gute im Menschen, sagt Wolf. Wie ethische Schalter plötzlich kippen, wie Anstand und Humanität plötzlich wie weggespült zu sein scheinen, wenn es um Macht und Geld geht, hat für sie dennoch, oder vielleicht gerade deshalb, etwas Spannendes. „Das finde ich faszinierend“, sagt die gebürtige Deutsche – und beeilt sich, angesichts der Fragen zu österreichischer Korruptionskultur hinzuzufügen: „Aber es ist nicht unbedingt ein österreichisches Phänomen.“

Ins Genre der Wiener Komödie ist die 55-Jährige, die seit dem Studium in Wien lebt, vor bald 20 Jahren hineingerutscht. „Ich dachte eigentlich, dieser Bereich meiner Arbeit wird auslaufen, aber er kommt immer wieder auf mich zu“, sagt sie. 26, fast 27 solche Stücke hat sie geschrieben, mit Adi Hirschal das Wiener Lustspielhaus gegründet. „Wenn Sie mich reden hören, wissen Sie sofort: Ich bin Piefke. Wenn man die Stücke auf der Bühne sieht, würde man das nicht vermuten.“

In ihre Stücke flicht sie dabei auch immer wieder ernstere, poetische Momente ein. Wie etwa in dem Stück, das sie aktuell für die Wachau-Festspiele geschrieben hat („Keine Ruh fürs Donauweibchen“), und auch im „Herrn vom Amt“, in dem es eine Frauenfigur gibt, die über ihr Leben und ihre Position reflektiert. „Man kann nicht vermeiden, dass etwas in der Lust der komödiantischen Darstellung dann gröber wird, aber die Intention ist schon immer, dass es feiner ist“, sagt Wolf.

Auch wenn sie die Wiener Komödie gern mag („Es macht mir eine Riesenfreude, auch, weil man da verrückter sein kann als sonst“), ist das nicht alles: „Die ernsthafte Linie ist sehr wohl auch da“, sagt sie. So hat sie unter anderem „Die Päpstin“ für die Bühne adaptiert, für das Theater in der Josefstadt den „Engel mit der Posaune“, sie schreibt Kinderopernlibretti zu ernsten Themen und zuletzt etwa ein Libretto für das Innsbrucker Historienmusical „Die Schattenkaiserin“.

Ob es weiterhin Wiener Komödien geben wird, ist nicht ganz sicher. „Ich sortiere gerade die nächsten Wege“, sagt sie. „Ich möchte jedenfalls nicht das Schikaneder-Schicksal haben, den ich übrigens heiß verehre, der sich aber irgendwann ausgeschrieben gefühlt hat in dem Genre.“

ZUR PERSON

Susanne Wolf (55) lebt als Autorin in Wien. Wolf ist gebürtige Deutsche und hat u. a. „Die Päpstin“ für die Bühne adaptiert und zuletzt ein Libretto für das Innsbrucker Historienmusical „Die Schattenkaiserin“ geschrieben. Aktuell hat sie für die Kellergassencompagnie Gogols „Revisor“ adaptiert. „Der Herr vom Amt“, so der Titel ihrer Version, läuft bis zum 14. August in Königsbrunn am Wagram, Infos unter www.kellergassencompagnie.at.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.08.2019)

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