ImPulsTanz: Wesen, utopisch und redselig

Chris Haring stellt tänzerische Miniaturen in den Räumen des Leopold-Museums aus. Seine „Stand-Alones“ sind lebendige Bilder.

(c) ImPulsTanz/Michael Loizenbauer

Eine erschöpfte Frau kauert auf dem Boden. An die taubengraue Wand gelehnt, scheint sie mit entrücktem Blick durch die Zuschauer durchzusehen. Sie ist allein in einem großen, leeren Ausstellungsraum. Keine Bilder an den Wänden. Keine Objekte stehen da. Eine Besucherin ist verunsichert und fragt, wo es denn hier zur Performance gehe. Nun ja: Sie ist schon mittendrin.

Acht charismatische Tänzerinnen und Tänzer (darunter die unvergleichliche Stephanie Cumming) hat Chris Haring für sein Stück „Stand-Alones (Polyphony)“ im Leopold-Museum versammelt – hier steht buchstäblich jede und jeder für sich in einem eigenen Raum, mit der eigenen Musik, eigenen Sounds, die individuell über iPods und mobile Lautsprecher abgespielt werden. Gezeigt werden darstellerische Miniaturen, die man als Zuschauer zusammensammelt, indem man von einem Raum in den nächsten schlendert, manchmal zieht einen auch die Neugier weiter, weil um die Ecke eine interessante Geräuschkulisse lockt. Es gibt keine Reihenfolge, keine Vorgaben, keine Zeiteinteilung, kein Richtig, kein Falsch – nur viel Raum, um zu schauen und zu spüren.

Immer wieder trifft man beim mehrmaligen Rundgang auf diese acht Persönlichkeiten, und jedes Mal zeigen sie ein kurzes Stück, eine andere Facette. Haring geht es um „die Dekonstruktion der Vorstellung von kohärenten Persönlichkeitsmustern“, um Figuren, die „grundsätzlich polyphon“ sind. Sie werden in diesen 80 Minuten vieles sein: unheimlich, verletzlich, utopisch, komisch, roboterhaft, verwirrt und oft redselig . . .

Immer wieder wird das Geschehen von einem sonoren „Ah“ unterbrochen. Dann stellen sich die Tänzer in verknoteter Haltung hin, graben sich die Nägel in Augenhöhlen und Nacken, verzerren die Gesichter und öffnen den Mund stumm zu dem Schrei, der aus der Akustikkonserve quillt. Dann sind diese Einzelwesen über die trennenden Wände hinweg auf berührende Weise miteinander verbunden.

 

Sich einfach treiben lassen

Doch wie jede Sequenz dauert auch diese nicht lang. Schon sind alle wieder dabei, etwas anderes zu machen – die eine scheint einbeinig kopfüber in den Boden tauchen zu wollen, ein anderer vollführt yogaähnliche Übungen, eine Dritte murmelt gegen die Wand. Wenn man sich einmal damit abgefunden hat, dass man unmöglich alles sehen kann, lässt man sich einfach durch die Räume treiben, um ganz ungezwungen in diese performativen Stimmungsschwankungen einzutauchen. Das Gefühl, durch eine Performance zu gehen wie durch ein Museum, wo man bei jedem Ausstellungsstück so lang verweilen kann, wie man will, ist großartig. Hier sind nicht nur die Figuren polyphon, jeder sammelt andere Eindrücke.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.08.2019)

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