„Die Kinder sollen hier Gemeinschaft erleben“

Sylvia Rotter, Gründerin und Leiterin des Wiener Kindertheaters, über die Kunst, einen Hund zu hypnotisieren. Warum das Schauspielen Heranwachsende intelligenter, lieber und lustiger macht. Und welches Stück für sie ideal ist.

Direktorin Sylvia Rotter bei Proben ihres seit 25 Jahren bestehenden Kindertheaters.
Direktorin Sylvia Rotter bei Proben ihres seit 25 Jahren bestehenden Kindertheaters.
Direktorin Sylvia Rotter bei Proben ihres seit 25 Jahren bestehenden Kindertheaters. – (c) Michaela Bruckberger

Was war für Sylvia Rotter das lustigste Erlebnis auf der Bühne? Die Direktorin des Wiener Kindertheaters antwortet spontan: „Als mein Hund Emily noch klein war, hatten die Kinder die Idee, sie zu hypnotisieren und dann auf dem Tablett zu präsentieren. Ich weiß nicht, warum, aber es hat funktioniert. Emily hat geschlafen, bis sie wieder weggetragen wurde.“

Seit 25 Jahren bringen Frau Rotter und ihr Team Kindern und Jugendlichen bei, was es heißt, im Rampenlicht zu stehen. Sie sollen vor allem Selbstbewusstsein tanken. Der Beginn war bescheiden: „Wir hatten minimale Mittel, aber das Glück, stets mit hervorragenden Künstlern zusammenzuarbeiten.“ In der Gründungsphase war zum Beispiel Susanne Moser dabei, die heute die Komische Oper in Berlin als Geschäftsführerin leitet. „Sie war von meiner Arbeit mit den Kindern derart bezaubert, dass sie eine Zusammenarbeit vorschlug. Zuvor hatte ich nur mit meinen Neffen und ein paar Freunden Theater dieser Art gespielt – Szenen, Lieder, ein bisschen Improvisation.“

Moser habe dann den „Sommernachtstraum“ von William Shakespeare produziert, das im Hof vom Palais Epstein aufgeführt wurde. „Das wiederum hat Stadtschulratspräsident Kurt Scholz derart begeistert, dass er eine eigene Schule für das Kindertheater vorschlug.“ Geprobt und gespielt wurde an vielen Orten – im Ensembletheater, im Rabenhof, im Studio Molière. Seit 2013 ist man nun im MuTh zu Gast. „Das gibt uns Stabilität. Wir verdanken die Partizipation dort unseren Wohltätern, Familie Pühringer.“

Rotter hatte vor ihrem Engagement fürs Kindertheater vor allem in England und Deutschland als Schauspielerin gearbeitet, zuvor an der Royal Academy of Dramatic Arts in London ihre Ausbildung absolviert. Wehmut über all das Vergangene kennt sie nicht: „Meine kreative Kraft ist auf das Wunderbarste bedient, wenn ich mit den Kindern arbeite. Das nimmt mich seit 25 Jahren gefangen. Das Übrige brauche ich nicht. Es ist immer interessant, herauszufinden, wie man die Kinder erreicht – oder eben nicht.“

Die Bedingungen haben sich seit 1994 stark verändert – wegen der Neuen Medien: „Sprachlich ist es wesentlich schwieriger geworden, Kindern beizubringen, dass es auch Nebensätze gibt. Durch klassische Texte lernen sie, komplexere Zusammenhänge zu erfassen. Bei uns geht es auch um eine umfassendere Gefühlswelt. Deshalb ist Theater heute noch wichtiger als vor 25 Jahren. Die Kinder brauchen es zur Menschwerdung.“ Diese Erkenntnis zeigt sich in der Zusammenarbeit mit dem Neurowissenschaftler Manfred Spitzer. „Wir sind die Praxis zu seiner Theorie, die Gärtner in seinem Synapsen-Garten. Die Kinder werden durchs Theater intelligenter, lieber und lustiger.“

Ideal für Kinder sei der „Sommernachtstraum“ – vier Handlungsstränge, die man leicht einzeln proben könne: „Es gibt darin viele schöne mittelgroße Rollen.“ Rotters Lieblingsstück? Shakespeares „Was ihr wollt“ könne sie immer wieder sehen. Sie mag auch Dramen von Raimund und Nestroy. Fürs Kindertheater brauche man Komödien: „Unter zwölf Jahren wollen alle lachen. Erst mit der Pubertät wächst die Liebe zur Tragödie.“

 

Schräge Typen in Gogols „Revisor“

Eitelkeiten bei der Rollenverteilung wird nicht nachgegeben: „Vor allem am Anfang haben einige Eltern geglaubt, ihre Kinder werden bei uns zu Stars gemacht. Das funktioniert nicht, weil wir im Team arbeiten. Bei uns wird Rücksichtnahme geübt.“ Auch sei solch ein Höhenflug nicht immer gut. „Die Kinder sollen hier Gemeinschaft erleben. Ich sage ihnen wie eine tibetanische Gebetsmühle: Ihr lernt hier nicht für den Beruf des Schauspielers, sondern fürs Leben.“ Trotzdem träumten fast alle von der Bühne: „Es ist doch so leicht, einem 18-Jährigen einzureden, wie toll er sei. Der glaubt das auch. Aber beim Schauspielberuf gibt es nicht nur schöne Sachen, Ruhm und Ehre, sondern auch psychopathische Regisseure, unregelmäßigen Alltag, zerbrochene Beziehungen.“

Derzeit wird eifrig geprobt. Am 4. 9. hat im MuTh Gogols „Revisor“ Premiere: „Das ist völlig anders als die bisherigen Stücke, die wir gemacht haben. Durchwegs unsympathische Figuren, eine abstrakte Komödie. Aber es hat viele gute Rollen, und die Kinder finden diese schrägen Typen witzig. Sie lieben es, sich über Erwachsene lustig zu machen.“

Termine und Details unter kindertheater.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.09.2019)

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