Joyce-Jubiläum: Bloomsday-Feiern und kein Ende?

Der Gedenktag zu Ehren von James Joyces herausragendem Roman „Ulysses“, der am 16.Juni spielt, wird weltweit sowohl mit Symposien wie mit Straßenfesten begangen: die Geschichte eines Phänomens.

(c) EPA (Josef Breitenbach)

Es ist ein literatur- wie kulturgeschichtlich höchst bemerkenswertes Phänomen, dass an jedem 16.Juni global, in vielen Städten von Melbourne in Australien oder Kobe in Japan bis Irvine in Kalifornien, Bloomsday gefeiert wird, und zwar akademisch in Vorträgen und Symposien und gleichzeitig auf den Straßen mit karnevalesken Umzügen, Lesungen und Kneipentouren. Dass der Anstoß zu diesem literarisch inspirierten Straßenfestival nicht von einem populären Bestseller wie der Harry-Potter-Serie, sondern von einem der schwierigsten und anspruchsvollsten Romane der Weltliteratur, James Joyces „Ulysses“ (1922), ausgeht, gibt Literaturwissenschaft und Kritik Rätsel auf.

Das Bloomsday-Datum erscheint erstmalig auf einer Feldpostkarte von James Joyce in Triest an seinen Bruder Stanislaus am 16.Juni (!) 1915. Die deutsch geschriebene Postkarte ist ein literarhistorisch aufschlussreiches Dokument, denn auf ihr findet sich die erste Skizze zur Handlung des „Ulysses“, die Joyce dann auch am 16.Juni, des Jahres 1904 in Dublin spielen lässt. Die genaue Datierung der Handlung mit diesem Tag, dem späteren Bloomsday, ist völlig willkürlich.

 

Joyce: Am 16.Juni „zum Mann gemacht“

Das lässt seine biografische Referenz umso signifikanter erscheinen. An diesem Tag hatte der Autor sein zweites „Date“ mit Nora Barnacle, seiner künftigen Partnerin, Mutter zweier Kinder und schließlich offiziell angetrauten Ehegattin. Nora hat Jahre später Freunden anvertraut, warum dieses Datum für Joyce so bedeutungsvoll war: An diesem Tag habe sie James „zum Mann gemacht“.

Wie aber kam es zur globalen Ausbreitung der Bloomsday-Feiern? Ihre Vorgeschichte lässt sich in groben Zügen rekonstruieren. Erste Ansätze sind wohl die frühen Besuche von Joyce-Aficionados und Freunden an Romanschauplätzen wie dem Martello Tower, wo die erste Episode spielt, oder in Gaststätten, die an diesem Tag von den Hauptfiguren aufgesucht werden. Solche Gedenkwanderungen endeten oft in einer feuchtfröhlichen Kneipentour. Das wären aber rein lokale Ereignisse geblieben, hätten sich nicht, von der Presse völlig unbeachtet, einige literarisch ernsthaft am Werk interessierte Literaturwissenschaftler und Kritiker, meist amerikanischer Herkunft, zu denen dann auch der spätere Doyen der kontinentalen Joyce-Forschung – der Anglist Fritz Senn aus Zürich – kam, am Bloomsday des Jahres 1967 in Dublin getroffen. Sie beschlossen, in Zukunft jeweils in einer Joyce-Stadt oder an europäischen oder US-Universitäten, an denen Joyce-Forscher aktiv sind, regelmäßig wissenschaftliche Tagungen zu organisieren.

 

Den verlorenen Sohn Irlands heimgeholt

Es kam zur Gründung der International James Joyce Foundation, die bald mit Symposien in Zürich, Paris, Triest, Venedig, Rom, Szombathely-Budapest und Dublin sowie immer wieder an US-Universitäten, aktiv wurde. Diese Tagungen gaben der kritischen Beschäftigung mit dem Werk von Joyce entscheidende Impulse. Einen Höhepunkt erreichte die Tradition mit der Jubiläumsveranstaltung zur hundertsten Wiederkehr des Bloomsday am 16.Juni 2004 in der Joyce-Stadt Dublin. Das war so bemerkenswert wie folgenschwer. Nach langer Abstinenz zollten auch Dublin und das offizielle Irland dem genialen Autor des Landes jene Anerkennung, die ihm weltweit schon lange zuteil wurde. Der verlorene Sohn wurde buchstäblich heimgeholt, eine auch touristisch äußerst ertragreiche Entscheidung. Als 1968 die damals wichtigste internationale Vereinigung der Englisch-Professoren (IAUPE) in Dublin tagte, stand Joyce nicht auf dem Vortragsprogramm. Auch in den Schaufenstern der Dubliner Buchgeschäfte wurde kein Buch von Joyce ausgestellt. „Ulysses“ war nur unter dem Ladentisch erhältlich. Das hat sich rasant verändert.

Heute nimmt Joyce seinen Platz im neueren Kanon der großen Literaten Irlands ein– fast alle Pioniere des literarischen Modernismus: G.B. Shaw, W.B. Yeats, Samuel Beckett. Joyce werden nun in Dublin Denkmäler errichtet, Museen und Archive erwerben jenen Teil seines literarischen Nachlasses, der nicht schon von US-Universitäten aufgekauft worden ist. Die fiktionalen Wohnhäuser der Blooms tragen entsprechende Plaketten, und die Wege der Charaktere des Ulysses durch die Stadt am Bloomsday sind für den Touristen unübersehbar auf dem Straßenpflaster markiert.

Die Zentenarfeier in Dublin 2004 war auch für die Geschichte der Bloomsday-Straßenfeste ein Markstein. Das akademische Symposium wurde zwar, wie üblich, mit einer Lesung des wohl bedeutendsten lebenden irischen Dichters, Seamus Heaney, eröffnet, aber am nächsten Morgen mit einem „Bloomsday Breakfast for 10.000“ in einer Straße Dublins fortgesetzt, gleichsam höhere Weihen für die Bloomsday-Festival-Tradition. Es bleibt abzuwarten, ob sich Folgen daraus auch für die literarisch seriöse Beschäftigung mit Joyce ergeben.

 

Bloomsday-Tradition auch in Österreich

Heuer findet das Joyce-Symposium übrigens in Prag statt, nicht etwa in Pola (später: Pula), der ersten Station des freiwilligen Exilanten auf der Suche nach Beschäftigung und Quartier auf damals österreichischem Boden. Eine Tourismusexpertin in Pola, darauf angesprochen, erklärte lakonisch: „Joyce hasste Pola.“ Österreichs Universitäten haben zwar nie ein Joyce-Symposium veranstaltet, doch hat sein Werk lange einen festen Platz im Lehrprogramm in Graz, jetzt auch in Wien. Eine erste literaturwissenschaftliche Publikation zu „Ulysses“ ist bereits 1955 nachzuweisen. Auch Bloomsday-Aktivitäten haben in Österreich schon Tradition: nachzulesen beim unermüdlichen Joyce-Spurensucher in Österreich, Andreas Weigel.

Goethes prophetischer Seufzer „Shakespeare und kein Ende“ ist erfreulicherweise übers 200Jahre später noch aktuell. Ist das Ende der Bloomsday-Feiern, ihr Doomsday, d.h. ihr Ende, auch noch lange nicht absehbar? Das wird wohl davon abhängen, ob die 2004 begründete „unheilige“ Allianz zwischen akademischer Seriosität und munterem Straßenfestival von Dauer sein kann. Wie auch andere Tageszeitungen hat „Die Presse“ in den letzten Jahren jeden Bloomsday durch längere Beiträge gewürdigt. Am 15.6.1996 wurde unter dem Titel „I hate this Catholic country“ Joyces erstes Urteil über Altösterreich nach der Ankunft 1904 in Pola festgehalten: 1997 wurde er auch in japanischer Übersetzung nachgedruckt.

AUF EINEN BLICK

„Bloomsday“: „Ulysses“ von James Joyce spielt am 16.Juni 1904. Namenspatron des Gedenktags ist Hauptfigur Leopold Bloom.

Franz K. Stanzel ist emeritierter Professor für Anglistik an der Universität Graz. Heute hält er eine Bloomsday Lecture: „The Irishing of Joyce's Austrian Years“: Um 15Uhr c.t.; Hof 2.8, Campus des Alten AKH, Institut für Ethik und Recht in der Medizin, 1.Stock.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.06.2010)

Kommentar zu Artikel:

Joyce-Jubiläum: Bloomsday-Feiern und kein Ende?

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen