Grotesk-überdreht, stark frivol und antirealistisch

Die Operette ist besser als ihr Image. Eine Ausstellung im Schwulen Museum Berlin feiert Erik Charell, den Vater des „Weißen Rössl“.

Berlin. Die Operette hat gemeinhin ein schlechtes Image – man verbindet sie mit Pensionisten und Kaffeefahrten. Kitsch pur. Dabei ist sie „im Idealfall eine grotesk-überdrehte Kunstform, stark frivol und antirealistisch“. Laut Kevin Clarke, dem Direktor des Amsterdamer Operetta Research Center, funktioniert diese „gigantische Kitschkunst“, die sich nicht auf seichte Unterhaltung reduzieren lasse, nur erfolgreich, „wenn man sie mit Ironiesignalen bringt“. Anders als etwa in Mörbisch, wo der Operettenkitsch zu ernst genommen, allerdings – zugegebenermaßen – genial vermarktet werde. Aber Operette habe mehr zu bieten.

Clarke meint, die Zeit sei reif „für eine Operette als ironische Kitschkunst und Pop-Art avant la lettre, auf Augenhöhe mit Jeff Koons und Andy Warhol. Genauso sexy, genauso gut. Genauso lohnend“. Eine wesentliche Rolle in der Operette spiele (Homo-)Sexualität – vor den „kastrierten“ Aufnahmen und Aufführungen der letzten Jahrzehnte war sie „deftig und direkt, versaut und provokant, genauso wie subtil und versteckt“.

In diesem Kontext hat Clarke gemeinsam mit Wolfgang Theis vom Schwulen Museum Berlin eine Ausstellung kuratiert, die einen der letzten Großen der Operette feiert: Erik Charell, den großen Macher der glanzvollen Revueoperetten der Zwanzigerjahre in Berlin und Vater des weltberühmten „Weißen Rössl“ (Musik vom österreichischen Komponisten Ralph Benatzky). Berühmte Schauspieler und Sänger traten zuerst unter Charells Regie auf, etwa Marlene Dietrich, Joseph Schmidt und Max Hansen. Auch die Comedian Harmonists wurden von ihm entdeckt.

 

Im Berlin der 20er-Jahre

Es ist die weltweit erste Ausstellung zu Leben und Werk des schwulen Tänzers, Choreografen und Theaterleiters Charell und die erste, die sich mit dem Thema Operette und Homosexualität auseinandersetzt. „Man kann den schwulen Subtext sehen und sich darüber amüsieren, Charell hat es aber nicht so gemacht, dass ihm heterosexuelle Zuschauer davonlaufen“, so Clarke. Zusammengetragen wurden zahllose Zeugnisse zu Charells Wirken: Kostüm- und Bühnenbildentwürfe, Fotos der Stars seiner Produktionen, Programmhefte etc. Herausragend ein Modell des Großen Schauspielhauses Berlin, dessen Leitung Max Reinhardt dem jungen Pantomimentänzer 1924 angeboten hatte. Inspiriert von einer Gastspielreise in die USA brachte Charell in Berlin Revueoperette von Weltformat und setzte Maßstäbe, was die Verbindung von Bewegung, Musik, Ausstattung, Stars und Glamour angeht. Etwa mit „Casanova“, „Drei Musketiere“, „Der Kongress tanzt“ und – nach der Rückkehr aus der US-Emigration – „Feuerwerk“. Danach zog er sich, frustriert über die deutsche heimatfilmselige Operettenszene, zurück. Schwules Museum Berlin, Mehringdamm 61, bis 27.September, Di–Sa, 14–18h.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.07.2010)

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