"Orfeo ed Euridice": Weißer Marmor im Klangmuseum

Glucks "Orfeo ed Euridice", inszeniert von Dieter Dorn und mit Riccardo Muti am Pult: Immer wieder wunderschön anzuschauen, aber in vielen Belangen blass und problematisch. Auch musikalisch.

Orfeo Euridice Weisser Marmor
Orfeo Euridice Weisser Marmor
Kulman – (c) REUTERS (HERWIG PRAMMER)

Riccardo Muti ist Klassizist. Selbst wenn er in Interviews Christoph Willibald Gluck, dessen Opern er immer wieder dirigierte, eine ganz eigene Position in der Musikgeschichte zuweisen will, blickt er doch aus der Perspektive Mozarts auf ihn zurück – genauer: aus der seines Mozart-Verständnisses, welches stark von späteren Traditionen geprägt ist. Nie würde es dem neapolitanischen Maestro einfallen, „Orfeo ed Euridice“ als Weiterentwicklung der Barockoper zu interpretieren und etwa die Ouvertüre als Prunkstück anzulegen, sie mit Glanz und Schärfe von Naturtrompeten und kräftigen Paukenakzenten mit hölzernen Schlägeln auszustaffieren, oder in der Unterweltszene die Posaunenstöße mit aller Drastik dreinfahren zu lassen – schon gar nicht mit einem Orchester wie den Wiener Philharmonikern, die manch exquisite Wendung der Partitur luxuriös erfüllen, dazwischen aber kleine Strauchler nicht verhindern können: Engagierte, hellwache Hingabe klingt anders.

 

Wie bei Winckelmann: Edle Einfalt

Stattdessen lastet die Forderung nach edler Einfalt und stiller Größe auf dem Abend, dürfen nur selten Blechbläserfarben hervortreten, wird der kompakt-runde Gesamtklang vor allem in den unteren Lautstärkegraden sensibel schattiert. Diese betont retrospektive Haltung Mutis geht einher mit einem Zug zur Verklärung: Was durch die ständige Rücksicht auf Noblesse an expressiver Plastizität verloren geht, ersetzt er durch stellenweise ausnehmend breite, das Geschehen monumentalisierende Tempi. Das mag dem mythischen Geschehen adäquat sein, doch wähnt man sich bei seiner Interpretation vor dem nackten weißen Marmor einer antiken Skulptur im Museum: Winckelmann hat dies einst als Ideal missdeutet, doch ist uns heute längst bekannt, dass die Statuen bunt bemalt waren.

Auf die Musik umgelegt heißt das: Man muss durchaus kein bedingungsloser Verfechter von Originalklang-Ensembles sein, um Mutis Haltung als rückschrittlich zu bedauern, denn auch mit modernen Instrumenten ließe sich stilistisch wohlinformiert musizieren. Zuletzt hatte John Eliot Gardiner 1990 einen einzelnen konzertanten Gluck-„Orfeo“ mit seinen English Baroque Soloists in Salzburg dirigiert. Die aktuelle Produktion ist musikalisch dagegen Karajans Lesart viel näher, die zuletzt vor über 50 Jahren auf dem Festspiel-Programm stand.

Als Vorzug der aktuellen Produktion darf freilich gelten, dass Muti und Dieter Dorn, dieser höchst seriöse alte Theaterhase, an einem ästhetischen Strang ziehen – zumindest ließ sich Dorn auf Mutis konventionelle Vorstellungen einschwören, denn der Maestro ist ja bekannt dafür, dass er sich von Regisseuren absolut nicht in die schöngeistige Parade fahren lässt. Hand in Hand mit der musikalischen Stilisierung ging also die szenische: Menschen aus Fleisch und Blut werden uns nicht vorgeführt, alle Kraft geht von den altbekannten, typisierten Figuren und Situationen aus – wobei Orfeo durch einen ihn vervielfältigenden Bewegungschor unterstützt wird, der im Programmheft als „Der Klang“ ausgewiesen ist und sich am Ende in eine multiple Euridice verwandelt: Musik und Liebe werden eins.

 

Leben nur im Schlussballett

Aller „Realismus“, soweit er in diesem Rahmen überhaupt möglich ist, wurde im Schlussballett nachgeholt, in dem dem wiedervereinten Paar zu dessen Erstaunen Beziehungsnöte, Zank und Prügel als große Pantomime vorgeführt werden. Jürgen Rose gelang es, die Bühne des großen Festspielhauses mal zu nützen, mal auf die Erfordernisse des intimen Stücks – das besser ins Haus für Mozart gepasst hätte – perspektivisch schrumpfen zu lassen. Da zeigen sich eindrucksvolle Bilder, im verspiegelten Hades etwa, den Tobias Löffler (Licht) zu einer Schwarz-Weiß-Welt macht, in der des Staatsopernchores Arme züngeln. Und in der himmelblauen Weite des Elysiums, eine lichte, mit ihren fast zombiehaft schreitenden seligen Geistern auch traurige Welt.

Doch enttäuscht neben der konventionellen Personenführung die immer wieder problematische Akustik des Bühnenbildes, zumal, wenn Rose auf reflektierende Rückwände verzichtet: Da fehlte dem Wohllaut oft die Fülle, sogar bei Elisabeth Kulman als Orfeo, die doch keine kleine Stimme hat und ohne Registerbruch in die Altlage hinabsteigen kann. Vollendet freilich die Duett-Harmonie mit Genia Kühmeiers edler Euridice, welche durch die Intervention von Christiane Kargs selbstbewusst-quecksilbrigem Amor doch ins Leben zurückkehren durfte.

Es lag nicht an diesem „lieto fine“, dass allzu vieles zu „schön“ wirkte, um auch „wahr“ zu sein: Existenzielle Emotionen wurden zu wenig in Klang umgemünzt. Dem einhelligen Jubel tat das keinen Abbruch.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.08.2010)

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