Lucas Gregorowicz: Schöne Wolken

Burg-Schauspieler Lucas Gregorowicz über Wien bei Regen, scheinheilige Toleranz und polnischen Wodka.

Lucas Gregorowicz Schoene Wolken
Lucas Gregorowicz Schoene Wolken
Lucas Gregorowicz – (c) Julia Stix

Ob es eine besondere Willkommensgeste war, das weiß Lucas Gregorowicz nicht. Jedenfalls war das einzige, das er beim Einzug in die Wiener Gästewohnung im Kühlschrank vorgefunden hat, eine Flasche polnischen Wodkas. Allerdings nur mehr dreiviertelvoll. „Es gab sonst nur noch eine Packung Mehl, Knäckebrot und löslichen Kaffee in der Küche. Vielleicht hat da jemand gedacht, Schauspieler brauchen nicht mehr …“ Zumindest das mit dem Wodka hätte auf Gregorowicz abgestimmt sein können – immerhin kam der Schauspieler aus Polen angereist. Seit letztem Winter lebt er in Warschau: „Ich bin da gestrandet“, sagt er kurz und bündig. Und doch steckt ein bisschen mehr dahinter: Hatte er doch einen Großteil seiner Kindheit in Polen verbracht, bevor er mit seiner Familie nach Bochum zog. „So eine Wurzelsuche stand schon lang mal an. Ich habe mit meinen Eltern Polnisch gesprochen, aber sonst wenig Verbindung damit gehabt. Das war immer ein Thema für mich: Bin ich Deutscher, bin ich Pole? Jetzt weiß ich, dass ich alles sein kann.“

Jetzt auch Wahlwiener: An Matthias Hartmanns Burg war Lucas Gregorowicz bereits letztes Jahr in „1979“ zu sehen. Nun folgt Neil LaButes „Lieber Schön“ im Kasino. Ein Stück, das als Abrechnung mit der Besessenheit der Menschen von Äußerlichkeiten angekündigt wird. Im Original heißt es: „reasons to be pretty“. Was sind die Gründe, hübsch sein zu wollen? „Um dem anderen zu gefallen. Es ist ungerecht, aber wenn man attraktiv ist, öffnen sich Pforten. Dann gibt es die, die nicht damit umgehen können und sich extra hässlich machen. Und andere kämpfen mit allen Mitteln, dass sie noch attraktiver werden und noch attraktiver, die Grenzen nach oben sind da offen, bis es kippt wie ein stehendes Gewässer, und sie sind wieder ganz hässlich. Es macht einen ja auch hässlich, wenn man vergisst, dass es auf andere Dinge ankommt.“

Männer und Frauen, sinnlos

Im Stück ist das Wort des Anstoßes gar nicht „schön“ oder „hässlich“, sondern „normal“. Greg (Gregorowicz) sagt das über das Gesicht seiner Freundin Steph (Christiane von Poelnitz). Das ist Beleidigung genug, um eine Beziehung zu zerstören. Aber Gregorowicz will das Stück nicht auf eine Schönheitsdebatte reduziert sehen, obwohl es naheliegend wäre bei Neil LaBute, den der Schauspieler scherzend „einen ziemlich hässlichen dicken Sack“ nennt. „Das ist nur der Auslöser, der alles aufbricht. Greg könnte genauso gut sagen: ,Du bist zwar keine Superintelligenzbestie, aber dafür hast du eine tolle Bauernschläue.‘ Dann würde sie sagen: ,Was, du meinst, ich bin dämlich!? Du liebst mich nicht!‘“ Und der gute Greg würde wieder nicht verstehen, was er angerichtet hat: „Darum geht es nämlich: dass Frauen und Männer so unterschiedlich reagieren.“

Greg hilft nicht einmal mehr sein Humor, von dem es ja auch so oft heißt, dass er attraktiv macht: „Er vergreift sich ja immer in seinem Humor. Und: Wenn’s erst mal hart auf hart geht, dann ist der Humor meistens das Erste, das flöten geht.“ 

Was bei Neil LaBute immer so verblüffe, das sei die Wirkung seiner Stücke: „Er schreibt ja aus einer ganz bigotten, kleinbürgerlichen Welt heraus, er war Mormone, und die Parameter, in denen er provoziert, das sind keine liberalen Parameter. Und das Erstaunliche ist, was für ein Gewitter diese Stücke auslösen, wenn sie vor einem vermeintlich aufgeklärten Publikum gespielt werden.  Wir tun oft nur so aufgeschlossen und tolerant, können es auch nach außen sein, aber in den eigenen vier Wänden verkacken wir’s.“

Fragt man Lucas Gregorowicz, ob er sich selbst gern mit Schönheit umgibt, ein Ästhet ist, überlegt er erst einmal. Dann ist er emsig darum bemüht, keine Allgemeinplätze zu bedienen, wenn er zugibt, dass er zwar schon genau weiß, was ihm gefällt und was nicht. Aber dass das dann bitte nichts Perfektes sein soll. „Ich kann einer schönen Landschaft viel weniger abgewinnen als einem Fabriksgelände in Bochum. Mit einer Wanderung durch die schönen Berge kannst du mich jagen. Natur kann ergreifend sein, aber sie ist nicht an sich schön.“ Ähnlich geht es ihm mit Wien: „Man sagt ja auch, Wien ist eine schöne Stadt. Aber ich finde Wien am schönsten, wenn das Wetter scheiße ist. Ich laufe lieber durch den Regen als durch die Sonne, da fühle ich mich geborgen und sicher.“

Und dann Rockmusik

Seit der Schauspielschule hat es Lucas Gregorowicz nie an Engagements gemangelt, auch in Film und Fernsehen war er zu sehen. Aber zum Theater muss er immer wieder zurück, denn „ich würde bescheuert werden, wenn ich nur drehen würde“. Auf der Bühne füllt er Reservoirs auf: „Beim Theater lernt man, beim Drehen ruft man nur ab. Das Theater ist das, wo man seine eigenen Grenzen erfährt, wo man nicht ungeschoren davonkommt und wo man für alles geradestehen muss.“

Neben dem Theater hat Gregorowicz noch eine andere Leidenschaft, die Musik. Er spielt Gitarre in der Band Bad Boy Boogiez, in Fatih Akins Film „Soul Kitchen“ ist sie zum Beispiel zu hören. „Wir müssen uns jetzt schon immer aus aller Welt zusammentrommeln, aber komischerweise finden wir doch Zeit, wir konnten sogar eine Platte aufnehmen. Und wir haben so viel verkauft, dass die Produktionskosten wieder herinnen waren“, erzählt er fröhlich: „Das ist auch keine Selbstverständlichkeit.“ 
In Wien wird aber erst einmal nur Theater gespielt. Die Umstellung von Warschau ist übrigens gar nicht so schlimm, sagt er: „Hier weht schon ein bisschen ein slawischer Wind. Man kriegt hier auch diese guten Gurken und das Sauerkraut. Schnitzel und Tafelspitz gehören zur polnischen Küche ja auch dazu. Man sagt auch ,Servus‘ und ,Baba‘. Und wir haben ja die Türken verjagt von hier damals“, sagt er und lacht: „Die Stadt ist mir was schuldig!“

TIPP

Lieber Schön Premiere am 17. 9., Kasino am Schwarzenbergplatz
www.burgtheater.at

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