Roland Düringer: "Man ist ein Leben"

Neues Programm, neue Gartensendung, neuer Vortrag über Autofahrer: Roland Düringer spricht mit der "Presse am Sonntag" über die zerstörerische Kraft von Autos in unserer Gesellschaft.

Roland Dueringer Leben
Roland Dueringer Leben
Düringer – (c) Michaela Bruckberger

Im Mai 2009 haben Sie Ihre Sammlung japanischer Autos verkauft, damit sich ein junger Mann ein behindertengerechtes Auto leisten kann. Jetzt treten Sie mit dem Mobilitätsexperten Hermann Knoflacher mit „Benzinbrüder reloaded“ auf die Bühne. Steckt wieder ein sozialer Gedanke dahinter?

Roland Düringer: Die Sache hat sich zufällig ergeben. Eigentlich wollte mich eine Bürgerinitiative, die gegen eine neue Schnellstraße im Traisental war, bei ihrer Kick-off-Veranstaltung dabeihaben. Weil ich das Buch von Hermann Knoflacher, „Virus Auto“, und ihn persönlich sehr schätze, wollte ich ihn dazu einladen. Beim Namen „Knoflacher“ hat die Bürgerinitiative kalte Füße bekommen und wollte es sich nicht mit dem Land verscherzen. Wir machen diese Veranstaltung jetzt trotzdem und referieren übers Auto.

 

Da hat sich Ihre Einstellung geändert in den letzten Jahren.

Weil man erst merkt, was das für ein Wahnsinn ist, wenn man aus dem Auto aussteigt, nicht nur physisch, und sich von der Spezies Autofahrer zur Spezies Mensch zurückverwandelt. Ich bewege mich in der Stadt viel mit dem Fahrrad, zu Fuß oder öffentlich: Vom siebten Bezirk war ich heute in sieben Minuten beim Schottentor. Die Autofahrerei in der Stadt kommt mir immer verrückter vor.

Was ist schlecht am Auto?

Es ist nicht schlecht an sich, ich hab auch für Transporte noch einen Bus und einen kleinen Daihatsu. Aber der Umgang damit ist problematisch. Auch Handy oder Computer sind nicht schlecht, sondern die Art, wie ich sie benutze. Ich hinterfrage inzwischen, warum uns das Auto so im Griff hat: Städte werden nicht mehr für uns oder unsere Kinder gebaut, sondern dass sich Autos wohlfühlen. Man baut eine Umfahrungsstraße, damit tötet man die Struktur der Ortschaft. Dann gibt es „Leichenschminken“ mit einer Dorferneuerung. Aber das geht nicht, weil die Strukturen schon kaputt sind.

Das ist keine sehr neue Beobachtung.

Schon als Kind war mir bewusst, wie das Auto, das wir Ende der 1960er erst bekommen haben, nicht nur die Mobilität verändert, sondern auch unsere Ernährung und das Sozialleben: Wir sind nimmer zum Lebensmittelgeschäft, Milchmann und Gemüsetandler in der Quellenstraße gegangen, sondern einmal im Monat zum Pampam gefahren. Dadurch kauft man nichts Frisches mehr, sondern haltbare Produkte. Und am Wochenende haben wir Ausflüge gemacht, da war ich weg von meinen Freunden. Das Auto betrügt uns ja auch: Es gaukelt uns, den Individuen, vor, dass wir nur wenig Energie verbrauchen, um etwas zu erreichen. Das will ja jedes Lebewesen: mit so wenig Aufwand wie möglich lang auszukommen. Dem System, der Gesellschaft schadet das Auto aber.

Aber Sie fahren gern Motorrad?

Das ist etwas ganz anderes, weil man ein Motorrad nicht mit Fußtritten bewegt, sondern mit Fingergefühl. Ein Autofahrer sitzt quasi in einem Fernseher, in einem abgeschlossenen System. Moderne Autos sind wie kleine Wohnzimmer mit MP3-Player, Klimaanlage und Sitzheizung. Man merkt die Geschwindigkeit nimmer. Früher hat der Opel Kadett noch gescheppert, wennst einen Hunderter gefahren bist. Heut merkst es erst, wennst irgendwo anfahrst. Beim Motorrad kriegst du Temperaturunterschiede und Gerüche mit und kannst durch deine Körperhaltung die Geometrie des Fahrzeugs verändern. Aber es geht bei beiden, Auto und Motorrad, um die Beherrschung des Feuers. Deswegen wird ein Elektroauto nie diesen Sex haben wie was, was einen Lärm macht.

Sie hatten doch auch ein Elektroauto?

Nein, ein Hybridauto, das den Wirkungsgrad des Benzinmotors verbessert. Aber das war mir zu groß. Außerdem: Was dort an Energie gespart wird, geht hundertfach bei der Produktion solcher Autos drauf. Man muss begreifen: Die einzige Möglichkeit, weniger Dreck aus dem Auspuff zu lassen, ist, das Auto stehen lassen.

Geht es Ihnen um „Weltverbesserung“?

Wir Menschen spielen uns gern als „Retter des Planeten“ auf und schützen plötzlich das Klima. Das ist, wie wenn ein Embryo der Mutter erklärt, wie sie Auto fahren soll. Wir haben keine Ahnung, wie es wirklich geht! Aber wir erkennen, dass wir zu viele geworden sind und Ressourcen genommen haben, die nicht nachwachsen. Das jetzige Umdenken ist kein Klimaschutz, sondern Selbstschutz. Fürs Universum ist das bedeutungslos. Die Erde ist auch ein lebendes System, und so wie wir mit Fieber einen Virus loswerden, wäre das eine gute Lösung für den Planeten: Bissl Fieber und wir sind weg.

Der Einklang mit der Natur steht auch bei Ihrer Sendung „Der wilde Gärtner“, die im Frühjahr 2011 im ORF laufen soll, im Fokus?

Ich gebe darin keine Tipps, sondern es geht um Zusammenhänge, um den Bezug zu Natur und Nahrung. Im Garten kultiviert man ein Stück Land: Es ist eine Gratwanderung, wieweit man naturnah bleibt und Lebewesen Raum bietet. Ein Fertigrasen mit Thujen, wo man jeden Löwenzahn wegrupft, das ist ja krank.

Hat sich Ihr Bezug zu Nahrung geändert?

Als Kind hat man sich zum Nachtmahl zum Fernseher gesetzt, da hast weder vom Fernsehen noch vom Essen was mitkriegt. Bei uns heißt's jetzt: Wenn Essen ist, ist Essen. Das beginnt schon beim Kochen. Fernsehen in dem Sinn gibt's nicht, wir schaun DVD, weil da erzählt mir keiner dazwischen, was ich morgen kaufen soll. Das Fernsehprogramm ist eine einzige Werbesendung: Das Fernsehen macht Werbung für sich selbst, „Bleiben Sie dran!“, jede Kultursendung ist Werbung für irgendeine Premiere, jeder Talkgast hat sein neues Buch mit. Und warum? Weil die Wirtschaft wachsen muss.

Ein anderer Kabarettist hat gesagt: „Die Wirtschaft will ewiges Wachstum. Aber kein Baum ist so deppert.“

Genau, das ist die Lüge vom Wirtschaftswachstum. Schaun Sie nur nach China: Jeder Chinese, der früher ein Radl gehabt hat, will jetzt einen 3er-BMW. Wenn alle Chinesen und Inder BMW fahren, brauchen wir uns nimmer überlegen, ob wir weniger Auto oder Hybridauto fahren. Die vom ZK wissen das, aber mit Autos kann man in kurzer Zeit irrsinnig viel Geld machen, und so können sie ihre Rüstungsindustrie aufbauen.

Solche Überlegungen kommen auch in Ihrem neuen Stück „Ich – Einleben“ vor, das Sie als Vortrag anlegen?

Darin geht es um das Leben im Allgemeinen, denn es ist ein großes Missverständnis, dass wir ein Leben haben. Sonst würde es mich ja noch geben, wenn ich mein Leben verlier. Wir sind ein Leben. Und was wir fälschlicherweise als „mein Leben“ bezeichnen, wie „Sport ist mein Leben“, das ist nur unsere Geschichte.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.10.2010)

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